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«an deiner statt» - Kunst und Politik

«an deiner statt» (2012)

Neunundzwanzig Schweizer Autorinnen und Autoren unterschiedlicher Generationen, Geschlechter und Sprachen haben eben so viele Nothilfe-Bezügerinnen, Sans-Papiers und abgewiesene Asylbewerber getroffen und mit ihnen Gespräche geführt. Sie haben ihnen ihr Ohr geliehen und geben ihnen eine Stimme. Sie reden «an ihrer statt».

Mit einem Bonus-Text von Sabine Wen-Ching Wang.


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Die Buchausgabe:
Editions d'en bas / im Buchhandel
ISBN 978-2-8290-0458-2

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Pressestimmen


Urs Mannhart

Ich komme aus Nigeria


Seit mehr als drei Jahren lebe ich in der Schweiz, aber mein Gesuch wurde abgelehnt. Das Migrationsbüro bietet mir siebentausend Schweizerfranken an, wenn ich zurückreise. Mein lieber Gott: Siebentausend Franken – was soll ich damit? Was ich brauche, ist nicht Geld, sondern Zukunft. Zukunft, verstehen Sie? Das Migrationsbüro versteht das nicht. Das will gar nicht wissen, was los ist in Nigeria. Vor zwei Tagen gab es neue Kämpfe, siebenunddreissig Menschen sind tot, alles Christen, wie ich. Gott liebt mich, aber ich bin nicht gesund genug, habe die Kraft nicht, zu kämpfen, bin nicht wohl in meinem Körper. Ich habe heftige Bauchschmerzen, kann nicht richtig essen, und diese Schmerzen steigen mir in den Kopf, gehen vom Bauch in den Rücken und dann in den Kopf. Meine Stirn bebt. Ich denke zu viel und habe Angst vor der Polizei.

Diese Bauchschmerzen, das sind dieselben, wie ich sie vor drei Jahren hatte, als ich nicht mehr essen konnte. Während acht Wochen habe ich nichts gegessen, nichts getrunken. Ich lag im Spital, konnte den Mund nicht aufmachen, weil ich zu schwach war und alles so trocken war in mir drin. Acht Wochen! Meine Beine waren dünn wie Unterarme, meine Unterarme dünn wie Finger! Alle haben gesagt: Dieser Mann macht Hungerstreik!, und der höchste Arzt hat Briefe geschrieben, damit mir geholfen wird. Aber ich weiss bis heute nicht, was das ist, Hungerstreik. Ich habe einfach nicht essen können, es ging mir zu schlecht. Ich habe das, was in Nigeria passiert ist, nicht ertragen. Jeder andere, der so lange nichts gegessen hätte, wäre gestorben, noch zwei Tage länger und Sie sind tot, hat der Arzt gesagt, aber Gott liebt mich und hat mich gerettet.

Mein Körper hat sich erholt, ich habe wieder etwas Gewicht. Aber ich fühle mich schuldig am Tod meiner Mutter. Als sie erfuhr, dass man mich ins Gefängnis gesteckt hat, bekam sie einen Herzinfarkt und fiel tot um. So hat es mir ein Freund erzählt. Sicher hat sie gedacht, ich sei kriminell geworden. Aber ich habe nichts gemacht. Kein Auto geklaut, keinen Einbruch gemacht, und Drogen verkauft habe ich auch nicht. Ich sitze einfach den ganzen Tag im Asylheim, bekomme Nothilfe und wenn nötig Medizin, sonst mache ich nichts. Aber das Migrationsamt hat mich gebeten, zu ihnen zu gehen, um über meine Heimreise zu reden. Ich bin hingegangen und habe gedacht, das hilft mir vielleicht. Als ich aber da war, wollten die meinen Ausweis, sagten, der sei abgelaufen und haben mich ins Gefängnis gesteckt. Deswegen ist meine Mutter gestorben, und deswegen habe ich keine Freundin mehr. Die Leute haben die Freundin gefragt: Wieso gehst du mit dem? Der sitzt ja im Gefängnis, mit dem wirst du nur Probleme haben! Und dann hat sie mich verlassen.

Wenn es mir wieder gut geht, kann ich vielleicht zurück nach Nigeria. Aber ich müsste wirklich gesund sein, stark und bereit, um zu kämpfen. Mit diesen Schmerzen geht das nicht. Nun habe ich Angst, wieder im Gefängnis zu landen, Angst vor der Polizei. Falls die mich hier im Asylzentrum abholen kommen, um mich nach Nigeria zu schicken, dann werde ich meinen Schädel gegen die Wand schlagen, bis er bricht. Dann werde ich mich kaputt machen, ehe die mich kaputt machen können. Ich weiss, das Migrationsamt will mich kaputt machen. Für die bin ich ein Nichts, ein Niemand. Meinem Anwalt habe ich alles erzählt, aber ich weiss nicht, was er mit wem bespricht, ich kann die Briefe nicht lesen, ich spreche Englisch und Igbo, und mein Anwalt arbeitet mit dem Migrationsamt zusammen, die machen ihre Deals; ich kann ihm nicht vertrauen. Aber ich weiss: Es gibt keine Zukunft für mich in Nigeria, und keine in Afrika. Ich will, dass das ganze Gerede aufhört, dass mich die Polizei in Ruhe lässt. Dass mich das Migrationsamt in Ruhe lässt. Ich gehöre hierhin, in die Schweiz, hier kann ich neu anfangen, wenn man mich nur lässt. Ich will hier ein normales Leben führen.


Aufgezeichnet von Urs Mannhart auf Grund eines Gespräches vom 8. Juli 2012; der Asylsuchende möchte aufgrund seiner Angst vor den Behörden anonym bleiben.

Urs Mannhart, geboren 1975, lebt als Schriftsteller und Nachtwächter im bernischen Langenthal. Jüngste Veröffentlichung: «Gazprom heizt ein», eine Reportage aus dem Norden Russlands in «REPORTAGEN», Nr. 5, Juni 2012


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