«an deiner statt» (2012)

Pressestimmen


Lukas Holliger

Geh heim, dort ist es ruhig!


Um Ibrahim, der sich nie strafbar gemacht hat, treffen zu können, muss ich an ein von Kamera- und Scheinwerfermasten flankiertes, von meterhohen Zäunen umzingeltes Betongebäude herantreten, mich vor einer Kamera mit Gegensprechanlage aufstellen und meinen Besuchswunsch anmelden. Ich werde durch das vergitterte Zufahrtstor an eine Porte herangelassen, wiederhole meinen Besuchswunsch ausführlicher, trete ein ins Foyer. An einem Anmeldeschalter hinter dickem, teilweise verspiegeltem Glas gebe ich meine Identitätskarte ab. In ein Schliessfach gehören alle meine Wertsachen, elektronischen Geräte, sogar der eigene Kugelschreiber. Durch einen Metalldetektor und eine hohe vergitterte Drehtür gelange ich in einen Gang. Aus diesem schleust mich der Wärter weiter, sowie auch der letzte der Besucher dieses Donnerstagmorgens die Drehtür passiert hat. Der Aufenthaltsraum hat eine niedrige Decke, Kantinentische.

Ibrahim erzählt mir aus seinem Leben. 1980 in der nordirakischen Stadt Sulaimani geboren, arbeitet er als Materialschlepper mit einem Handwagen auf illegalen Baustellen, später im Rathaus und in der kommunistischen Partei. Aufgrund dieses Engagements wird er inhaftiert und gefoltert. Seither hat er eine kaputte Nase, Atemprobleme, einen Hüftschaden, eine ruinierte Wirbelsäule. Gegen Ende des Gesprächs steht Ibrahim auf, das Sitzen am Tisch bereitet ihm Schmerzen. Er zeigt mir Narben, das grosse Pflaster über seinen Rückenwirbeln, erzählt mir, dass ihn der vom Ausschaffungsgefängnis zugewiesene Arzt mit Worten schlage, ihn verspotte und nicht ernst nehme.

Die Folter im Irak habe er damals überstanden, ohne eine Aussage zu machen. Seine Peiniger mussten ihn schliesslich frei lassen. Nur Monate später beteiligt sich Ibrahim, zusammen mit sechs Freunden, an einer Plakatkampagne für Frauenrechte. Er setzt sich für öffentliche Frauentoiletten ein. Die illegale Kampagne hat Erfolg, einer seiner Freunde wird jedoch verhaftet und gefoltert. Ibrahim fürchtet, dass er Namen nennt. Ein zweites Mal will er sich nicht foltern lassen. Mit 25 Jahren entscheidet er sich zur Flucht aus seinem Heimatland.

Erst mal will er nur weg, denkt an kein spezielles Land. Eine normale Ausreise ist nicht möglich. 95% aller Iraker haben keinen Pass, nur einen Staatsangehörigenausweis und eine Identitätskarte. Pässe sind den Grosshändlern vorenthalten. Ohne Pass kann man keinen Flughafen benutzen. Für den Grenzübertritt in die Türkei sind hohe Bestechungsgelder nötig. Allein für Polizei und Taxifahrer muss Ibrahim 8’000 Euro aufwenden. Einem Schlepper bezahlt er 23'000 Euro. Das Geld bekommt er unter anderem von seinem damals noch reichen Vater, der ihm bis heute hin und wieder Geld schickt, keine hohen Beträge. Sein Vater war einst selbst ein Folteropfer. Während der Herrschaft Saddam Husseins wurden ihm sämtliche Zehen- und Fingernägel gezogen.

Ibrahim reist drei Tage lang versteckt überm Hinterrad eines Lastwagens, bekleidet mit drei Hosen und drei Jacken gegen die Kälte. Er wärmt sich mit Zigaretten, trinkt und isst nichts. Die Reise führt ihn durch die Türkei. Der Lastwagen wird mitsamt dem blinden Passagier verschifft. Wie und wo er in der Schweiz gelandet ist, kann Ibrahim heute nicht mehr sagen. Im Kanton Aargau beantragt er Asyl. Das Asylgesuch wird abgelehnt. Ibrahim bekommt den Ausweis F. Die Aufenthaltsbewilligung für so genannte «vorläufig aufgenommene Ausländer». Personen, die zwar aus der Schweiz weg gewiesen wurden, bei denen sich aber «der Vollzug der Wegweisung als unzulässig (Verstoss gegen Völkerrecht), unzumutbar (konkrete Gefährdung des Ausländers) oder unmöglich (vollzugstechnische Gründe) erwiesen hat».

Die aargauischen Behörden erteilen Ibrahim eine Bewilligung zur Erwerbstätigkeit. In der Folge arbeitet er im Basler Restaurant «Papa Joe’s», wo der FC Basel jeweils seine Meistertitel feiert, und später im Restaurant «Kunsthalle». Trotz Rückenschmerzen besitzt er aus dieser Zeit gute Arbeitszeugnisse. Eines Abends führen die Atemprobleme seiner kaputten Nase zu Bewusstlosigkeit. Es erfolgt eine Notoperation.

2007 wird Ibrahim der Ausweis F entzogen. Grund ist ein neues Gesetz, das die drei nordirakischen Städte Sulaimani, Arbil und Dhock für «ruhig» erklärt. Ein Bericht von «Human Rights Watch» berichtet drei Monate vor diesem Gesetzeserlass von Polizeiwillkür, Folterungen und Selbstverbrennungen, namentlich in der Stadt Suleimani. Ibrahim erhält einen Brief vom Bundesamt für Migration, das ihn zur Rückkehr in den Irak auffordert. Erfolgreich reicht er Rekurs ein. Ein zweiter Brief des Bundesamtes für Migration wird ihm von seinem Betreuer im Aargauer Asylheim versehentlich zwei Wochen lang nicht weitergereicht. Ibrahim verpasst nicht nur den Rekurstermin, Bern möchte auch wissen, wo er diese zwei Wochen gesteckt habe. Trotz seines Anwalts und eines Schreibens des Betreuers, das das Missgeschick eingesteht und aufklärt, erhält Ibrahim aus Bern keinerlei Rückmeldung. Er soll ausreisen. Ibrahim versucht es. Im Irak verlässt ihn der Mut. Er bleibt neun Monate in der Türkei, kehrt dann mittels Schlepper erneut in die Schweiz zurück, wo seine Schwester und seine Freundin leben. Sein neuerliches Asylgesuch wird abgelehnt.

Seit dem 18. Juli 2011 lebt Ibrahim im Basler Ausschaffungsgefängnis. Für den 3. August 2012 wird ihm ein Rückflug in den Irak in Aussicht gestellt, aber er will auf keinen Fall zurück, lieber will er sich erschiessen. Er sagt, man solle ihm im Falle einer Zwangsausschaffung eine Pistole geben: «in der Schweiz sterbe ich nur einmal, im Irak jeden Tag.» Weniger fürchte er sich vor dem irakischen Gefängnis, dort könne man ihn nur schlagen, vielmehr fürchte er sich vor der Strasse. Er berichtet von Freunden, die spurlos verschwanden oder in der Nacht zu Tode geprügelt wurden. Auch im Basler Ausschaffungsgefängnis geht Ibrahim nie raus, ausser ein paar Stunden in den Hof. Er guckt fern, liest Teletext, Bücher und schreibt Tagebuch, auf Deutsch. Nachts plagen ihn Alpträume. Psychologische Betreuung lehnt er ab.

Der Wärter erscheint, die Besuchszeit ist um. Wir verabschieden uns, tauschen Handynummern. «Vielleicht können Sie mir ab und zu helfen», sagt Ibrahim, «nicht mit Geld, sondern mit ein paar Worten, die das Herz wärmen».


Lukas Holliger, 40, Dramatiker, Prosa-Autor, Radio-Redaktor. Er lebt mit seiner Familie in Basel.

Ibrahim A. floh mit 25 Jahren aus dem Nordirak. Er lebt seit 7 Jahren in der Schweiz. Muttersprache kurdisch, zweite Sprache arabisch, dritte Sprache Deutsch, autodidaktisch aus Büchern erlernt.


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