«an deiner statt» (2012)

Pressestimmen


Simon Froehling

Kind Schweiz


Ich heisse Media K. und komme aus einem Dorf im Westen des Irans. Meine Heimat ist nicht der Iran. Meine Heimat ist Kurdistan, auch wenn es keinen solchen Staat gibt. Die Kurden sind das grösste Volk der Erde, das über kein eigenes Land verfügt, und meine Eltern, meine vier Brüder, meine Schwester und ich sind Teil dieses Volkes ohne Heimat. Manchmal telefoniere ich mit ihnen, aber ich muss aufpassen, da die iranische Regierung meine Familie überwacht. Mein Vater war im Gefängnis wegen mir, meine Brüder und meine Mutter werden ständig von der Polizei zur Befragung abgeholt, manchmal mitten in der Nacht. Die Polizei macht meine Familie müde.

Nach dem Gymnasium bin ich der Demokratischen Partei des Iranischen Kurdistans beigetreten. Die linke DPK-I fordert einen demokratischen und föderalen Iran. Sie ist dort, wie alle kurdischen Parteien, illegal. Die Mitgliedschaft bezahlt man mit jahrelangen Gefängnisstrafen und Folter, wenn nicht gar mit der Todesstrafe. Nachdem einer meiner Genossen, mit dem ich im Irak für die Partei unterwegs war, verhaftet wurde, bin ich Ende 2006 über Syrien, die Türkei und nach Stationen in Griechenland und Deutschland in die Schweiz geflüchtet. Hauptsächlich zu Fuss und durch Flüsse und Seen. Die Strasse nach Europa ist lang. Aber wer leben will, muss sein Leben riskieren, und ich will leben; ich habe ein Recht auf Essen und Trinken und auf ein Bett. Im Iran hatte ich keine Chance auf Freiheit. In der Schule musste ich Farsi lernen, denn meine Muttersprache war verboten, und auch gibt es keine kurdischen Medien, keine Selbstbestimmung – von den anderen Menschenrechtsverletzungen des Regimes ganz abgesehen. Im Iran sind die Kurden Menschen zweiter Klasse.

Auch hier in der Schweiz bin ich Mitglied der PDK-I und im Regionalkomitee aktiv. Ich schreibe Texte für unsere Website, und ich habe Standaktionen und Demos organisiert. Die entsprechenden Bewilligungen der Polizei besitze ich noch. Ironie des Schicksals: Laut Bundesamt für Migration bin ich kein politischer Flüchtling. Mein Asylgesuch wurde bereits zweimal abgelehnt. Zuletzt Ende 2011. Danach habe ich mich zusammen mit meinem Anwalt bei der UNO beschwert. Nun muss ich wieder warten, und ich darf nicht arbeiten.

Ich wohne in einem Asylheim ohne Adresse in einem Dorf im Kanton Zürich. Mein Zimmer, das ich mit drei anderen Männern teile, befindet sich in einem Container auf einem Platz, der aussieht wie ein Gefängnisareal. Von der Gemeinde bekomme ich 390 Franken pro Monat. Davon gebe ich 100 Franken für Anwaltskosten aus. Auch müssen wir für Reparaturen und die Reinigung im Heim bezahlen. Trotzdem ist es bei uns nie sauber und kochen können wir auch nicht wirklich. Probieren Sie mal, auf einer Wärmeplatte, die automatisch ausgeht, Reis zu kochen. Ich esse nicht viel, und für Kleider bleibt gar kein Geld übrig, denn ich kaufe mir lieber ein Monatsabonnement, damit ich zu meinen Deutschkursen fahren kann oder zu den Proben des Asylantenchors in Zürich. Ich kann nicht den ganzen Tag lang in einem Container sitzen, ohne Kontakte und ohne Internet.

Die Gemeinde hat keinen Plan, kein Programm für uns Asylbewerber und Asylanten. Wir sagen, wir müssen uns bewegen können, wir möchten Deutsch lernen, wir wollen arbeiten. Aber das geht alles nicht. Ruhig sein muss man in der Schweiz, nicht politisch aktiv. Aber ich bin ein Mensch und nicht aus Metall gemacht; ich bin keine Maschine. Ich schaue den Leuten in die Augen in diesem Land: Sie sind ruhig, aber nicht entspannt; sie haben sich selber ruhig gestellt, und sie sind nicht offen. Im Zug, im Bus, im Tram schauen sie weg, weil ich dunkler bin als sie. Sie lesen «20 Minuten» und «Blick am Abend» und haben Angst.

Die Polizei kommt mehrmals wöchentlich und kontrolliert unsere Papiere, manchmal um sechs oder sieben in der Früh. Und jede Nacht liege ich wach und habe Angst um meine Zukunft. Ich weiss, dass meine Situation noch jahrelang unverändert bleiben könnte. Das macht mich fertig. Auch auf der Strasse habe ich ständig Angst vor der Polizei und ihren Kontrollen und der Fragerei. Einmal sagte ich, sie könnten zwar meinen Ausweis kontrollieren, aber wenn sie mich durchsuchen wollten, müssten sie mich auf den Posten mitnehmen. Sie haben gelacht und gesagt: «Nein, nein, das ist normal.» Ich habe gesagt: «Für Sie ist das vielleicht normal. Für mich nicht.» Wenn du auseinander genommen wirst von vier Polizisten mit ihren Handschuhen, schauen dich die Leute auf der Strasse an, als wärst du ein Krimineller, als hättest du kiloweise Heroin im Rucksack. Mein Leben, meine Persönlichkeit, meine Zukunft – alles hängt von einem Stück Papier ab. Ich fühle mich auch in der Schweiz zweitklassig. Das System ist eine Wand aus Stein, und ich bin aus Fleisch. Aber ich kämpfe weiter, um als Mensch akzeptiert zu werden – hier wie dort. Leider hat sich die Schweiz schon immer isoliert. Sie ist wie ein Kind, das eingesperrt wurde in ein Zimmer mit nur einem Bett, einem Schrank, einem Tisch und einem Stuhl. Was soll das Kind da lernen?


Simon Froehling, geboren 1978, ist schweizerisch-australischer Doppelstaatsbürger und lebt als freier Schriftsteller und Übersetzer in Zürich. Zuletzt erschienen sein Roman „Lange Nächte Tag“ (Bilgerverlag, Zürich) sowie sein Hörspiel „Moi non plus“ (DRS 1, SWR 4).


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