«an deiner statt» (2012)

Pressestimmen


Gerhard Meister

Zulu, ein Mann aus Nigeria


Ich bin vom Volk der Igbo, in Nigeria. In seinem Roman «Things fall apart» hat Chinua Achebe das Leben meiner Vorfahren beschrieben, wie es war, bevor die Weissen kamen, und wie danach. Der Roman ist übrigens vor kurzem verfilmt worden. «Danda» von Nkem Nwankwo ist auch ein toller Roman, er erzählt das Leben eines good-for-nothing-guys. Ich lese viel. Romane, Biografien und Sachbücher. Sachen wie der «Da Vinci-Code» findet man in den Brockenhäusern leider nur auf Deutsch. Ich schaue auch viel fern. Man muss sich allerdings mit seinen Zimmernachbarn auf einen Sender einigen. Ich teile das Zimmer mit einem Mann aus dem Sudan, einem aus Guinea und einem aus Liberia. Es gibt auch Zimmer für acht Personen hier in Adliswil.

Ich lebe nun schon zwei Jahre so in der Schweiz. In den ersten sieben Monaten musste ich die Unterkunft jede Woche wechseln. Ich meldete mich im Büro an der Schaffhauserstrasse und dann hiess es, diese Woche gehst du nach Altstetten. Oder nach Urdorf, nach Uster, nach Kempthal oder an den Römerweg in Bülach. Ich denke, sie schicken dich so herum, um dich zu zermürben. Nach sieben Monaten durfte ich in Adliswil bleiben, Gründe dafür wurden mir keine genannt.

Vier Tage pro Woche verbringe ich in Adliswil. Manchmal spaziere ich nach Langnau. Dort gibt es nichts Besonderes zu sehen, aber in der Notunterkunft ist es so langweilig.

An drei Tagen die Woche besuche ich in der autonomen Schule in Zürich Deutschkurse. Die Schule bezahlt die Fahrkarte von Adliswil. Ich finde es nicht nutzlos, Deutsch zu lernen, auch wenn ich ausgeschafft werde. Es gibt in Nigeria eine Deutschschule, ich könnte vielleicht dorthin gehen, wer weiss, vielleicht sogar als Lehrer. Von Beruf bin ich Gärtner, ich habe Gemüse und Obst angepflanzt in Nigeria. Jetzt würde ich gerne einen technischen Beruf lernen. Mich interessieren Maschinen und wie sie funktionieren. Wenn ein Radio kaputt geht, versuche ich es zu flicken. Unser Leben hier ist Zeitverschwendung. Wir können nicht arbeiten, nichts beitragen zur Gesellschaft, sie geben uns acht Franken, das ist alles.

Niemand lebt freiwillig in einem fremden Land. Die Wirtschaft ist nicht das Problem. Damit kann man umgehen. Das ist halt einfach Survival of the fittest. Das Problem ist die Politik. Im Moment wäre es für mich gefährlich, nach Nigeria zurück zu kehren, später vielleicht, wenn die Spannungen nachgelassen haben, nicht mehr.

Die Leute hier sind freundlich, Rassismus habe ich nur einmal erlebt. Ein Mann hat uns Flyers verteilt, da stand drauf, wir sollten zurückkehren, wo wir her sind. In seinen Augen stand der Hass. Dass mein Abteil im Zug leer bleibt und sich niemand zu mir hinsetzt, das ist mir auch schon aufgefallen. Dann gab es einmal noch eine unangenehme Geschichte in der Migros, wir bekamen ja bis Anfang dieses Jahres diese Migros-Gutscheine, erst seit Januar gibt es Bargeld.

Natürlich gibt es Unterschiede zu Afrika. Wir können zum Beispiel leichter verzeihen, wenn uns jemand etwas Böses angetan hat. Das können die Leute hier nicht so gut. Wenn Schweizer kämpfen, dann haben sie ein Messer und es geht um Leben und Tod, das ist auch ein Unterschied. Wir schreien uns bei einem Streit zwar an, aber zum Kämpfen haben wir kein Messer dabei. Mir ist auch aufgefallen, dass hier die Kinder ihren Eltern nicht gehorchen. Wenn du in Afrika einem Kind sagst: fass das nicht an!, wird es ohne Widerrede gehorchen. Im Fernsehen habe ich die Sendung «Die strengsten Eltern der Welt» gesehen. Da werden die Kinder nach Afrika oder Südamerika geschickt, wenn sie zurückkommen, sind sie bereit, ihre Eltern zu respektieren.

Wir bekommen ein Bett und acht Franken am Tag. Fürs WC oder Küche-Putzen gibt es zusätzlich zwei bis drei Franken. Es gibt auch medizinische Unterstützung. Sie schicken dich zum Hausarzt, der nimmt dir Blut, schaut es an und sagt, es sei alles in Ordnung. So ging es jedenfalls einigen Kollegen von mir, die eigentlich einen Spezialisten gebraucht hätten. Ich habe zum Glück eine gute Gesundheit.

Mein Asylgesuch wurde abgewiesen, jeden Tag kann es soweit sein, dass sie mich abholen und in ein Flugzeug stecken zurück nach Nigeria. Klar, du schläfst mit einem offenen Auge oder überhaupt nicht in einer solchen Situation.


Gerhard Meister schreibt Theaterstücke und Hörspiele und steht mit seinen Spoken-word-Texten auch selber auf der Bühne (meist mit der Gruppe «Bern ist überall»). Er wohnt in Zürich.


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