«an deiner statt» (2012)

Pressestimmen


Renata Burckhardt

«an ihrer statt» – Saran im Gespräch mit Renata Burckhardt, Juli 2012


Ich bin alleine hierher gekommen. Eine Freundin hat mich abgeholt. Einen Kontakt musst du haben, du sitzt nicht einfach vor der Karte und sagst: «So, ich gehe in die Schweiz.» Ja, ich dachte, ich gehe in golden Europe arbeiten, damit meine Familie überleben kann. Bei uns muss man mit Bargeld bezahlen können. Die Schule meiner Tochter, die Medikamente meiner Mutter, Arztbesuche, Steuern, alles. In meinem Land gibt es nur Korruption, es wird immer schlimmer. Irgendwann begreifst du, dass sich’s nie bessern wird, im Gegenteil. Ich habe meine Tochter in Kenia zurückgelassen, damit sie in die Schule kann. Ich hatte keine andere Wahl. Man kann sein Kind nicht mitnehmen, wenn man untertaucht und nicht weiss was passiert. Als ich in Zürich im Flughafengefängnis mit auf den Rücken gefesselten Armen da sass, dachte ich: «Wenn meine Familie mich sehen würde, meine Leute vor dem TV...» Ich war sechs Monate im Gefängnis. Du wartest auf den Asylbescheid, bist eingeschlossen, wirst behandelt wie ein Krimineller. Alle drei Monate musst du zum Gericht. Wieder und wieder dieselben Fragen, die Leute vom Migrationsamt schreien dich an, um dir Angst zu machen. Sie sind hart, auch aggressiv, sie machen dich fertig. «From where do you come from, why are you here.» Am Anfang war ich unter Schock, ich habe nur geweint, sie nehmen dich in die Mangel in einer so groben Art, ich konnte nicht mehr reden. Du sitzt dort und schaust sie an und weinst. Es erschüttert dich. Du bist völlig unvorbereitet darauf. Du bist glücklich, in Europa zu sein. Und dann wird dir klar, ok, das ist das andere Gesicht Europas. Niemand sagt dir Zuhause, wie es hier läuft. Auch wenn es jemand sagt, du glaubst es nicht. Du denkst, die schlechten Dinge werden erzählt, weil die, die gegangen sind, ein gutes Leben für sich haben wollen. Wie sollst du glauben können, was hier läuft? Mit Glück kommst du vielleicht nach drei Monaten aus dem Gefängnis raus. Aber was dann?

Jetzt wohne ich im Camp in Adliswil, zusammen mit ca. 140 sans-papiers. Meiner Familie erzähle ich, dass ich in Zürich eine kleine Wohnung habe und da und dort Jobs machen kann. Ich erzähle ihnen nicht die Wahrheit, keine Details. Sie wissen nur, dass ich keine Dokumente habe, also nicht ausreisen kann. Ich bin alleine. Auf dem Camp sorgen Chefs für Recht und Ordnung und sie geben dir 10 Franken pro Tag fürs Essen, mehr nicht. Das Zimmer teile ich mit drei Frauen, mit zweien verstehe ich mich gut. Die eine ist seit 13 Jahren im Camp. Viele sitzen hier jahrelang herum, warten, ohne etwas tun zu können, vor allem Männer. Sie sitzen ihre ganze Jugend ab. Frauen können illegal putzen, Kinderhüten – wer aber traut einem schwarzen Mann? Er gilt automatisch als kriminell und gefährlich. Natürlich, wenn Männer jahrelang herumsitzen, haben sie viel Zeit zum Nachdenken. Darüber, was für Möglichkeiten sie haben. Irgendwann begreifen sie, dass sie keine haben. Sie kommen nicht hierher mit der Absicht kriminell zu werden, aber sie finden das hier vor - und werden dann so. Oder warten jahrelang, sinnlos. Ein Mann hat in der Wäscherei des Camps die Maschinen kontrolliert. Er war so nett, anständig, sprach mehrere Sprachen, auch Deutsch. Und er war seit mehr als 10 Jahren im Camp. Vor zwei Wochen aber sind Polizisten gekommen, haben gesagt «du bist illegal, du wirst ausgeschafft», haben ihn zum Flughafen gebracht und von dort zurück in den Kongo. In den Kongo! Jeder weiss, dass dort wieder Krieg herrscht! Wir waren geschockt und traurig. Warum ausgerechnet dieser Mann, warum? Und warum behält man ihn vorher jahrelang hier, zahlt ihm Essensgeld, die Arztbesuche, gibt ihm aber keine Möglichkeit, sich zu integrieren. Es gibt Arbeit, die er tun könnte, und er möchte arbeiten, nichts anderes als das! Man muss diese Leute ins System reinholen, ihnen eine Sozialnummer geben – wie in anderen Ländern auch –, damit sie die Rechnungen und Steuern selber bezahlen können und nicht mehr auf die kleinen Unterstützungen angewiesen sind. Damit sie für sich selber verantwortlich sind, nicht mehr der Staat. Das könnte das System berichtigen. Aber nein. Die Leute werden gequält. Manche schreiben im Camp jahrelang Briefe an Behörden und Ämter, jeden Tag. Eine Frau hat gewagt, einen erneuten Antrag zu stellen, nach fünf Jahren kann man das. Sie hat in den fünf Jahren versucht sich zu integrieren, die Sprache zu lernen, hat einen Test gemacht, ihr Polizeibericht ist sauber. Aber sie hat wieder ein Negativ gekriegt und wurde zurück in den Kongo geschafft. Auch sie war 10 Jahre im Camp. 10 verdammte Jahre. Die Schweiz ist in allem immer pünktlich. Man hat hier nie eine Entschuldigung für Verspätungen. Aber mit uns ist die Schweiz nicht in Eile, sondern arbeitet unendlich langsam.

Die Angst ist das Schlimmste. Die Polizisten könnten jederzeit kommen und dich mitnehmen. Sie kommen frühmorgens, wenn du noch schläfst. Wenn das passiert, hast du keine Chance. Niemand kann dir dann helfen, auch deine Freunde nicht. Bis dahin versuchst du, für dich alleine zu kämpfen und durchzukommen. Manchmal fahre ich in die Stadt, halte den Kopf hoch, setze eine coole Sonnenbrille auf, einfach nur, um kurz dazuzugehören. Wir afrikanischen Leute bemühen uns gut auszusehen und nicht nach einem Camp. Nette Kleidung ist unsere Verschleierung. Ich bin auch schon an die «Böögg»-Verbrennung gegangen, um mindestens kurz das Gefühl zu haben, dazuzugehören. Die Schweizer haben keine Ahnung, in was für Umständen wir leben. Ich merke das, wenn ich mit den Leuten rede. Sie wissen nicht, wie die Immigration hier läuft, sogar Leute, die politisch organisiert sind. Wenn ich erzähle, dass es hier ein Camp gibt, wo sans-papiers in einem Zimmer jahrelang warten, staunen sie. Wir sind unsichtbar. Wir haben keine Stimme, keine Macht, dürfen uns keinen Fehler leisten und nicht auffallen, weil wenn dich jemand anzeigt, hast du verloren. Nicht mal die Anwälte, die die Anträge schreiben, können helfen. Was ist mit diesem System, in dem nicht mal diese was bewirken können? Sie können kämpfen für Mörder, aber nicht für unschuldige Leute. Das Immigrationsgesetz ist das härteste in diesem Land.

Wenn es so weiter geht, fange ich an Müll zu sammeln und verliere mich selber, so denke ich oft. Aber ich bin hart geworden und resistent. Ich will stark sein. Aber eigentlich stehe ich seit Jahren unter Schock. Ich kann weder zurück noch vorwärts. Ich habe kein Leben. Ich würde gerne hierblieben, wenn ich könnte. Mit richtigen Papieren und als Altenpflegerin, Krankenschwester oder Kinderbetreuerin arbeiten. Und ich würde gerne meine Tochter zu mir holen können, sie ist jetzt 13. Ich habe sie seit Jahren nicht mehr gesehen.


Renata Burckhardt wurde in Bern geboren und schloss ihre Ausbildung an der Hochschule für Gestaltung und Kunst (HGK) Basel ab. Sie erhielt das Dramatikerstipendium ‹dramenprozessor›, besuchte die ‹masterclass› für dramatisches Schreiben und war Regieassistentin am Dt. Theater Göttingen. Heute lebt sie in Zürrich, arbeitet u. a. als Dozentin an der HGK Basel, inszeniert, entwickelt Textinterventionen in unterschiedlichen Kontexten und schreibt Theaterstücke, Prosa, Kolumnen, satirische Texte.


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