«an deiner statt» (2012)

Pressestimmen


Wolfgang Bortlik

Mit Handschellen ins Spital


Es ist jetzt drei Jahre her, dass ich aus Pakistan flüchten musste. Ich war Student an einer technischen Hochschule. Ich bin in die Schweiz geflogen, nach Basel, und habe dort Asyl beantragt. Dabei wurde ich von einer sehr strengen Dame verhört, die wollte alles ganz genau wissen und da habe ich einfach die Nerven verloren. An die zweite, entscheidende Anhörung bin ich nicht mehr gegangen. Ich hatte Angst und Stress und bin stattdessen abgehauen, nach Italien. Ich weiss auch nicht mehr warum. Das war eine Dummheit. Von Italien her bin ich dann wieder in die Schweiz eingereist. Mit einem Schlepper, den ich bezahlen musste. Dem habe ich meinen Pass gegeben. Das ist einfach so, wenn du den Pass nicht abgibst, dann nehmen sie dich nicht mit. So bin ich wieder in die Schweiz gekommen. Ohne Ausweis. Dort haben sie mich festgenommen und ins Empfangs- und Verfahrenszentrum im Bässlergut in Basel gebracht. Gleich daneben steht das Ausschaffungsgefängnis, dahin bin ich schliesslich gekommen, als mein Asylantrag abgelehnt worden ist.

Ich war immer gesund. Aber im Ausschaffungsgefängnis habe ich plötzlich grosse Schmerzen bekommen, ganz schlimmes Bauchweh, und in meinem Kot war Blut. Immer wenn ich etwas gegessen habe, musste ich gleich auf die Toilette und dann war da ganz viel Blut. Ein Doktor, der endlich einmal gekommen ist, hat gesagt, ich hätte wohl Hämorrhoiden. Er hat mir eine Salbe gegeben. Aber es ist nicht besser geworden. Ich bin ganz abgemagert, ich habe fast fünfzehn Kilo verloren. Es war furchtbar, ich konnte nicht mehr richtig stehen oder sitzen und es hat von dem Blut immer ganz schlecht gerochen.

Das Schlimmste an der ganzen Geschichte war, dass man mir einfach nicht geglaubt hat. Ich habe gesagt, dass ich grosse Schmerzen hätte, aber man hat nur das Gesicht verzogen. Es hat ewig gedauert, bis der Doktor gekommen ist. Da hat sich Annemarie vom Solinetz Basel sehr um mich gekümmert, hat dem Gefängnisarzt Briefe geschrieben, wie schlecht es mir geht. So bin ich doch noch zur Untersuchung ins Kantonsspital nach Liestal gekommen. Das Ganze war ein bisschen seltsam. Die Polizei hat mich im Ausschaffungsgefängnis abgeholt und in Handschellen gefesselt und unter Bewachung ins Spital gebracht. Dort konnte ich dann aber die ganze Zeit, fast vierzehn Tage, in denen ich untersucht wurde, frei herumlaufen. Als ich dann wieder entlassen wurde, kam die Polizei und schon wieder hatte ich Handschellen an, für den Rücktransport nach Basel, ins Ausschaffungsgefängnis.

Immerhin haben sie im Spital herausgefunden, dass ich Morbus Crohn habe, eine chronische Entzündung des Darms. Der Doktor meinte, dass ich wahrscheinlich von dem Stress im Ausschaffungsgefängnis krank geworden bin. Ich weiss es nicht. Ich habe eine Menge Medizin bekommen, jetzt geht es mir besser. Dann bin ich krankheitshalber aus dem Ausschaffungsgefängnis in den Kanton Baselland gekommen. Hier lebe ich in einer Asylantenunterkunft. In einem älteren Zweifamilienhaus, in welchem jetzt aber 19 Menschen wohnen. Wir sind zu zweit in einem Zimmer. Der Raum ist ungefähr 12 Quadratmeter gross. Mein Wohnkollege ist angenehm. Er ist aus Eritrea. Sein Vorgänger war nicht so friedlich. Der hat getrunken und war aggressiv.

Am Dienstag muss man beim Chef des Hauses unterschreiben, dass man in der Unterkunft ist. An dem Tag ist auch Putztag. Da hat man wenigstens etwas zu tun. Arbeiten darf ich ja sonst nicht. Wir kochen, ich mag am liebsten Spaghetti. Deutsch habe ich von meiner Betreuungsperson, Annemarie, im Ausschaffungsgefängnis gelernt. Ich kann es ziemlich gut, oder?

Ich bekomme 56 Franken in der Woche. Damit kann man nicht so viel machen. Ich habe einen pakistanischen Freund, der wohnt ein paar Ortschaften weiter. Der hat eine Schweizerin geheiratet. Ein Jahr lang hat es Theater gegeben, bis das möglich war. Mit diesem Freund treffe ich mich manchmal. Wir spielen ab und zu auch Fussball. Ich gehe gerne spazieren, am liebsten mit Frauen.

Ich mag die Schweiz. Vor allem die Schweizer Frauen. Die Männer sind oft unfreundlich und kennen immer nur Vorschriften. Ich habe eine Freundin und möchte sie heiraten. Eine Schweizerin. Sie möchte mich auch heiraten. Nicht nur, damit ich hierbleiben kann. Wir waren auf dem Amt für Migration deswegen. Die haben dort gesagt, ich müsse meine Papiere vorweisen. Weil ich keinen Pass mehr habe, war ich auf der pakistanischen Botschaft in Bern. Aber ich glaube nicht, dass mir die so schnell ein Dokument ausstellen. Wenn ich einen Pass bekomme, dann müsste ich möglicherweise ausreisen. Ich bin jetzt 24 Jahre alt und hoffe, hier in der Schweiz bleiben zu können.


Wolfgang Bortlik, geboren 1952 in München, lebt seit langem als Ausländer in der Schweiz, momentan in Riehen bei Basel.
Er arbeitet als Schriftsteller, Kritiker, Übersetzer und Hausmann. 2012 hat er das Buch der Fussball spielenden Autorinnen und Autoren der Schweiz, «Das Chancenplus war ausgeglichen», herausgegeben.


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