«an deiner statt» (2012)

Pressestimmen


Milena Moser

An deiner Statt – Emilia, 21, San Francisco


Ich dachte, alle Kinder leben so. Ich dachte, in Amerika sind die Häuser zum Arbeiten da und die Autos zum Schlafen. Das Auto stand in der Garage, in der mein Vater arbeitete. Es fuhr nicht. Mick, der Besitzer der Garage, hatte es meinem Vater geschenkt. «Wenn du es zum Laufen kriegst...» Mein Vater beeilte sich nicht. So lange das Auto nicht fuhr, stand es in der Garage, und so lange es in der Garage stand, hatten wir einen Platz zum Schlafen. Das muss Mick auch gewusst haben.

Ich spielte auf der Strasse vor der Garage, mein Bruder passte auf mich auf. Ich spielte, und dann fiel mir ein, dass ich meine Puppe vergessen hatte. Ich wollte hineinlaufen und sie mir holen, als mein Bruder mich an der Hand zurückriss. Ich spüre heute noch seinen fiesen Griff. Ich verstand nicht. Warum durfte ich nicht nachhause? En casa, sagte ich, ins Haus. «En casa? Bist du doof?», fragte er. «Wir haben kein Zuhause!» Als ich anfing zu weinen, lachte er mich aus. «Baby!»

Ich war vier Jahre alt. Da fing es an. Das mit der Angst. Und ist bis heute so geblieben.

Hier kannst du ja alles machen, du kannst zur Schule gehen, studieren, arbeiten, sogar Steuern zahlen. Auch ohne Papiere. Aber du musst jeden Augenblick damit rechnen, erwischt zu werden, aufzufliegen, deportiert zu werden. Also bist du immer wachsam, immer misstrauisch, du schaust über die Schulter, bist auf das Schlimmste gefasst. Du hältst den Atem an.

Das ist es, was Legalität für mich bedeuten würde: Endlich ausatmen!

Wenn dein Leben jeden Augenblick zu Ende sein könnte, hast du zwei Möglichkeiten: Du holst alles aus jedem Moment heraus – oder nichts. «Was soll das bringen», lachte Esteban mich aus, wenn ich auf unserem Hochbett meine Schularbeiten machte. Das war ein paar Jahre später, da wohnten wir bei einer Frau, die Betten an illegale Einwanderer vermietete. Wir hatten ein Hochbett, das mit einem Leintuch abgetrennt war. Auf der anderen Seite wohnte ein junges Paar, die stritten sich nachts immer. Meine Mutter kletterte dann zu uns hinauf und sang uns etwas vor.

Esteban schwänzte die Schule, kiffte, hing an der Strassenecke herum. Eines Tages war er verschwunden. Ziemlich sicher hat er sich einer Gang angeschlossen. Wir haben ihn nie wieder gesehen. Meine Mutter hörte auf zu lachen. Redete nur noch das Nötigste. Erst seit Max da ist, lacht sie wieder. Max ist mein Sohn.

Ja. Ich bin im letzten Schuljahr schwanger geworden. Das war doof. Jay war «bad news», das wusste ich, aber wenn er mich so ansah, so ... ich weiss nicht, herausfordernd, dann vergass ich alles andere. Meine Schularbeiten, meine Noten, meine Pläne...

Max ist jetzt vier. Er ist amerikanischer Staatsbürger. Wenn er 21 ist, kann er eine permanente Aufenthaltsbewilligung für mich beantragen. Aber ich will es selber schaffen.

Den Schulabschluss hab ich nachgeholt. Von sieben bis drei, während Max in der Schule ist, arbeite ich in einem Lebensmittelladen, räume die Gestelle ein und aus. Abends passen meine Eltern auf ihn auf, dann mach ich meine Ausbildung zur Altenpflegerin. Wir haben jetzt eine richtige Wohnung, zwei Zimmer, Küche, Bad, nur für uns! Natürlich ohne Vertrag, auch das kann jeden Tag vorbei sein. Ich engagiere mich bei den DREAMers. Wir kämpfen für eine erleichtertes Einbürgerungsverfahren für Einwanderer, die als Kinder hergekommen sind und hier die Schule abgeschlossen haben. Die Initiative wird seit sieben Jahren immer wieder abgelehnt. Einige der Studenten, die sich öffentlich dafür eingesetzt haben, sind schon deportiert worden. Aber ich habe jetzt einen Anwalt, der gratis für uns arbeitet. Jack hat ihn mir besorgt.

Jack ist 83. Er kommt jeden Tag in den Laden und ist immer schlecht gelaunt. Er schimpft über den Präsidenten, die Schwarzen, die Arbeitslosen, die Einwanderer, die Illegalen. «Denen wirft man alles nach», sagt er. «Mir hat auch nie jemand etwas geschenkt!»

Doch eines Tages erzählte er von seinem Vater, der genau wie meiner in einer Autowerkstatt gearbeitet hat. Am Freitag kam er immer betrunken nachhause. Die Mutter wartete, bis er eingeschlafen war, um dann in den Taschen seines Overalls nach dem Rest seines Wochenlohns zu suchen. Meist fand sie nur noch acht oder neun Dollar, davon mussten dann fünf Leute eine Woche lang leben.

Jack hat wenig Geld, aber er weiss viel. Wo man Rechtsbeistand bekommt. Oder Studienbeihilfe. Er hilft mir, wenn ich Prüfungen habe. Einmal hat er uns zu einem Baseball-Spiel eingeladen. Erst dachte ich, der will was von mir, ist ja klar. Der alte Mann ist einsam. Ich setzte mich neben ihn und wartete, dass er mich anfasst. Da liess Max seinen Hotdog fallen und ich schimpfte mit ihm: «Bad Boy!» Jack unterbrach mich: «Sag das nicht. Er ist kein schlimmer Junge. Red ihm das nicht ein.»

Da verstand ich. Es geht nicht um mich. Es geht um Max. Er erkennt sich in Max. In diesem kleinen dunkelhäutigen Jungen – hab ich gesagt, dass sein Vater schwarz ist? – aus einer Familie illegaler Einwanderer. Seither nenne ich ihn Grandpa – «Grandpa, was sagst du noch immer?» –

«Es braucht nur einen Menschen...»


Milena Moser, 49, Schriftstellerin ("Montagsmenschen"), lebt in Aarau. Zum Zeitpunkt der Anfrage hielt sie sich in San Francisco auf, wo sie lange gelebt hat und wo Jack ihr Nachbar war.


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