«an deiner statt» (2012)

Pressestimmen


Meral Kureyshi

Mirela


Ich heiße Mirela, ich bin 26 Jahre alt, ich wohne in Bümpliz, ich arbeite 14 Stunden am Tag, ich bin alleine.

Niemand schaut mich an, niemand sieht mich, glaube ich. Ich fühle mich, als wäre ich ein Geist. Ein Geist muss ich ja auch sein, denn wenn ich sichtbar würde, müsste ich die Schweiz verlassen und dürfte nie mehr zurück.

Meine Familie und ich sind 1992 in die Schweiz geflohen, wir lebten drei Jahre in einem Dorf in der Nähe von Bern. Es war sehr schön da, ich mochte den Fluss.

Kindergarten, erste Klasse, zweite Klasse, dann musste meine Familie nach Kroatien zurück, weil sich die Umstände verbessert hätten. Nichts hatte sich verbessert, alles war noch schlimmer geworden. Das Einzige, was sich verbessert hatte, war mein Deutsch. Ich konnte die deutsche Sprache, das war schön. In der Schule in Kroatien gab ich damit an, erzählte von meinen Erlebnissen als Weltenbummlerin, und wie schön es war in der Schweiz.

Die Schweiz ist ein guter Ort zum Leben. Hier gibt es genug zu essen, gute Wohnungen, viel Arbeit, aber keine Freunde. Ich fühle mich oft alleine. Das Meer fehlt mir. Die Aare ist mein Meer. Ich liebe es, mich in ihr treiben zu lassen, durch die Stadt, mit der Musik der Steine. Wenn ich in Kroatien bin, vermisse ich die Aare.

Jeden Abend gehe ich joggen. Ich laufe von Bümpliz nach Niederwangen bis in die Stadt, zum Zytglogge. Jeden Abend bleibe ich vor diesem Turm stehen und vergesse die Zeit. Der Zytglogge fasziniert mich, er macht etwas mit mir, ich kann das nicht beschreiben. Da sammeln sich so viele Leute, manche warten, manche schauen sich den Turm an, wieder andere laufen vorbei. Ich kann mich zwischen ihnen verstecken. Ich sehe ja auch aus wie sie. Ich habe mir die Haare blond gefärbt.

Ich sehe mir auch die Männer an, sie gefallen mir, die Schweizer Männer, einen Freund habe ich nicht. Sie wollen immer alle nur das Eine. Was Ernstes wollen die Männer nicht, bis vierzig nicht. Sie haben schöne Autos, sie haben Geld, sie haben eine gute Arbeit, aber eine Familie wollen sie nicht. Ich verstehe das nicht, warum haben sie denn all diese Sachen? Für wen? Ich wünsche mir einen Mann, der auch eine Familie will wie ich. Das ist sehr schwierig. Ob das ein Schweizer, ein Türke oder ein Kroate ist, ist egal, er sollte einfach nett, verständnisvoll und vor allem männlich sein. Als Geist jedoch kann man niemanden kennenlernen. Sie sehen mich nicht. Es fehlt mir der Augenkontakt.

Die Menschen in der Schweiz sind schon ganz anders. So ruhig, gleichzeitig sehr gestresst, sie laufen so schnell. Sie laufen nicht um zu laufen, sie haben immer ein Ziel. Es ist schwierig für mich, Kontakt aufzunehmen, mich zu verlieben. Viel Zeit neben der Arbeit hab ich nicht, ich bin meistens müde und muss auch früh aufstehen. Wie lernt man eigentlich Menschen kennen? Sollte ich sie auf der Straße ansprechen und sie fragen, ob sie mein Freund werden wollen? Das ist zu komisch. Ich wohne ja jetzt seit vielen Jahren in der Schweiz, da Kroatien noch nicht in der EU ist, darf ich hier nicht arbeiten. Wie soll ich denn leben, wenn ich nicht arbeiten darf?

Wenn unsere Familie nicht nach drei Jahren ausgeschafft worden wäre, hätte ich jetzt eine gute Ausbildung, einen guten Job, vielleicht eine Familie. Ich müsste mich nicht verstecken. Ich hasse das. Ich will mich nicht verstecken, ich will sichtbar werden, ich will Steuern zahlen, ich will ein Stimmrecht haben, ich will mit den Menschen über meine Situation sprechen, ohne Angst zu haben, sie könnten mich verraten. Ich kann niemandem trauen, eigentlich bin ich eine sehr offene Person.

In Kroatien sind die Umstände schwierig. Ich habe dort die Grundschule und anschließend eine Lehre als Handelsfachfrau abgeschlossen. Eine Arbeit habe ich nicht gefunden. Studieren konnte ich auch nicht ohne Geld. Ich bin ein gescheites Mädchen, ich hätte gerne studiert, Slawistik und Germanistik. Das ist nun jetzt zu spät. Jetzt muss ich arbeiten, damit meine Familie in Kroatien überleben kann. Sie sind angewiesen auf mich, auf meine Arbeit.

Kroatien ist ein schönes Land, meine Heimat. In Kroatien will ich jedoch nicht mehr leben. Was soll ich da?

Das Essen ist schon besser in Kroatien, wärmer irgendwie. Wir haben auch viel mehr Zeit zu kochen. Unser Gemüse wächst im Garten und es gibt jeden Tag frisches, selbstgebackenes Brot. Hier hab ich die Zeit nicht zum Kochen oder Backen. Am liebsten esse ich Salat. Das ist schnell zubereitet, schmeckt unglaublich gut und ist gesund. Ich will gesund leben, das ist mir wichtig, die Zeit vergeht so schnell und ich werde immer älter.

In Bümpliz gibt es viele alte Menschen, viele Ausländer, die mich sehen, mit mir reden. Bümpliz ist ganz anders als die Stadt Bern. Es ist kulturell ganz anders. In Bümpliz würde ich auch wohnen, wenn ich in der Schweiz wohnen dürfte. Hier würde ich nicht weg, da fühle ich mich wohl, es ist meine gewählte Heimat. Ich kenne nicht viele Orte in der Schweiz, konnte nicht viel reisen, wann hätte ich auch reisen sollen? Ich arbeite bei diesem Schweinebauern und das ist meine einzige Reise, mein Arbeitsweg.

Mein Chef ist nett, er stinkt zum Himmel, wie die Schweine auch, doch er ist nett zu mir. Er ist alt und hat keine Frau. Die Schweine sind das Einzige, was er hat, sie sind seine Familie und er kümmert sich gut um sie. Ich bin ihm sehr dankbar, er versteht meine Situation und hat mir schon sehr geholfen. Er sagt mir auch, ich solle ausgehen, ich sei noch jung.

Ich mache das schon. Am liebsten bin ich im Pyri in der Nähe des Zytglogge. Dann gehe ich im Bonsoir tanzen. Die elektronische Musik gefällt mir sehr, ich tanze gerne. Betrunken laufen die Menschen nicht so schnell, sie suchen Augenkontakt und sind nicht gestresst.


Meral Kureyshi, geboren 1983 in Prizren, kam 1991 in die Schweiz, lebt und schreibt in Bern.


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