«an deiner statt» (2012)

Pressestimmen


Karina Akopian

Im Einmachglas


Sie haben ein Foto von meinem Handgelenk gemacht.

Dass ich fünfzehn Jahre alt bin, haben sie mir nicht geglaubt. Ich habe graue Haare und Falten auf der Stirn.

Sie haben mich in einen kleinen dunklen Raum geführt und haben gesagt, halte deinen Arm da rein. Und dann sind sie aus dem Raum geflüchtet, die Tür hat sich geschlossen. Es gab ein kurzes Blitzlicht. Es hat nicht weh getan. Dann haben sie gesagt, ja das stimmt. Er ist wirklich so jung.

Bevor ich hier war, war ich woanders.

Ich weiss nicht, wo meine Familie ist. Die Frau, mit der ich mich einmal im Monat treffen muss, hier, hat eine Adresse gefunden. Im Internet. Ich habe einen Brief an meine Familie geschrieben. Er ist zurückgekommen.

Die Schweiz gefällt mir.

Die Züge haben weiche Sitze und saubere Toiletten. Auf so einer Zugtoilette ist es fast schön, Richtung Asyl zu fahren. Als ich aus dem Zug ausgestiegen bin, habe ich tief eingeatmet und die Berge gesehen.

Hier vergeht die Zeit sehr langsam.

Ich verhalte mich ruhig. Ich schlafe zuoberst in einem Etagenbett, mit drei anderen Jungs im Zimmer. Ich stehe auf. Dusche mich. Esse die zwei Scheiben Brot, das Ei und die Konfitüre, die es zum Frühstück gibt. Messe das Haus mit den Schritten ab. Den Eingangsflur. Die Küche. Den Fernsehraum. Ich zähle die Treppen. Es gibt jeden Tag Mittagessen, ausser Mittwochs und am Wochenende.

Ich fühle mich einsam.

Bei mir zuhause, da waren immer Leute um mich herum, und hier, hier zucken die Menschen zusammen, wenn ich mich im Zug neben sie setze.

Ich habe Angst vor schwarzen Katzen.

In Basel habe ich einmal eine Frau beobachtet, im Park. Sie hat eine schwarze Katze gesehen und ist weg gesprungen, als hätte sie den Teufel gesehen.

Jetzt bin ich die schwarze Katze.

Wie diese eine Katze, die in der Dämmerung immer auf dem Hügel vor dem Haus sitzt, in dem wir alle wohnen müssen.

Ich will keine schwarze Katze sein. Ich bin nur ich. Ich tue doch nichts. Die meiste Zeit.

Mit der Zeit wird hier jeder zum Tier.

Manchmal vergisst du, dass du ein Mensch bist. Du fragst dich zwischendurch, ob du wirklich existierst. Das Leben verliert jedes Ziel und jeden Sinn. Man schläft, man isst, man geht aufs Klo.

Ich habe versucht sie anzusprechen. Sie tun so, als würden sie mich nicht verstehen. Kein Französisch, kein Englisch, kein Spanisch. Nichts.

Alle wollen in Ruhe gelassen werden.

Ruhe. Um Mitternacht ist es Zeit zum Schlafen, sagen sie.

Wir sitzen in hier in einem Einmachglas. Wir sehen alles, aber wir dürfen nichts anfassen.

Manchmal öffnen sie den Deckel, um dich in die Schule gehen zu lassen. Zuerst in den Deutschkurs. Aus einem Einmachglas gelangst du in ein anderes. Später darfst du auf die richtige Schule, aber das macht keinen Unterschied.

Nein, ich bin nicht eingesperrt und nicht in einem Gefängnis.

Aber wohin sollst du dich bewegen, wenn du nicht existierst; wenn sie mit dir in der Schule nicht sprechen; wenn sie einen anderen Platz suchen, wenn du dich im Zug neben sie setzt; wenn sie die Augen verdrehen, wenn du zu laut sprichst. Man beginnt daran zu zweifeln, ob man ausserhalb des Glases überhaupt existieren darf.

Und sie sagen, du musst zur Schule gehen.

Wenn eines Tages der Brief kommt, in dem steht, wann du das Land verlassen musst und dass sie dich holen kommen, wenn du nicht selbst abreist, dann fragst du sie, wozu zur Schule gehen? Und sie sagen, weil es Gesetz ist. Menschen in deinem Alter müssen zur Schule gehen. Und dann wirst du wütend, und dann wirst du traurig.

Die Zeit geht vorbei und du wartest darauf, dass sie dich holen kommen und hoffst, dass sie dich vergessen. Und du vergisst auch. Und fühlst dich manchmal gut, besonders wenn die Sonne scheint.

Du gehst zur Schule und kannst mit den anderen, die nicht im Einmachglas wohnen, schon etwas Deutsch sprechen.

Du bekommst Hoffnung.

Und jedes Mal wenn ein Mädchen mit dir spricht und dich anlächelt; wenn du jemanden in einem der richtigen Häuser besuchst, die du sonst nur von aussen sehen darfst; wenn du einen Freund gefunden hast, vor dem du dich nicht schämst, ihm dein Einmachglas zu zeigen, in dem du mit den anderen Vierzig zusammen lebst; wenn er dich sein Töffli Probe fahren lässt – jedes Mal gibt es dir ein bisschen Hoffnung.

Aber irgendwann begreifst du, sie wollen dich nicht hier haben.

Und da hilft alles nichts. Du fragst dich warum. Du fragst sie warum. Du sagst, ich löse jedes Mal das Ticket, wenn ich Zug fahre, weil ihr gesagt habt, das kann sich darauf auswirken, ob ich bleiben darf.

Meistens kommen sie früh morgens, wenn du noch schläfst.

Also schläfst du nicht. Du beginnst dein Herz laut schlagen zu hören. Und es gibt nichts, womit du den Herzschlag übertönen kannst. Du wanderst in deinem Einmachglas herum, während die anderen schlafen, und murmeln und schreien und andere komische Geräusche machen. Und du denkst, warum ich, ich habe doch alles richtig gemacht. Und dann ist morgen, und du willst schlafen und du musst zur Schule gehen und weißt nicht wozu.


Karina Akopian ist in Russland geboren, in der Ukraine, Lettland und Deutschland aufgewachsen. Nach dem Studium der Geschichte und Philosophie zog sie vor zwei Jahren in die Schweiz, um Literarisches Schreiben am Literaturinstitut im Biel zu studieren. Neben dem Schreiben arbeitet sie mit Jugendlichen, die ohne Eltern den Weg in die Schweiz gefunden haben, um hier Asyl zu suchen.


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