«an deiner statt» (2012)

Pressestimmen


Hansjörg Schertenleib

An Deiner Statt


Angst? Angst hab ich schon lange keine mehr, das kann ich mir nicht leisten. Das ist wahrscheinlich der grösste Unterschied zwischen euch und mir: ihr habt Angst – ich hab keine Angst. So einfach ist das. Bleibt die Frage, wovor ihr Angst habt? Davor, alles zu verlieren natürlich. Ihr habt alles, aber statt es zu geniessen, scheisst ihr euch in die Hosen vor Angst, ihr könntet es verlieren oder wir könnten es euch wegnehmen!

Ich habe viel Zeit damit vertrödelt, weil ich herausfinden wollte, was ich in euren Blicken neben Angst sonst erkenne: Wut? Ablehnung? Hass? Verachtung? Zuneigung? Hoffnung? Es hat nicht lange gedauert, bis ich mir erlaubt habe, euch genauso zu verachten, wie ihr uns verachtet. Ja, ich verachte euch! Ob ich euch hasse? Nein. Oder höchstens ab und zu. Mittlerweile hab ich mich an eure Blicke gewöhnt, ich versuche nicht mehr, sie zu interpretieren, ich muss ihnen auch nicht mehr ausweichen. Sie prallen an mir ab, gehen durch mich hindurch. Wollt ihr wissen, warum? Weil ich stärker bin als ihr. Weil ich Dinge gesehen und erlebt habe, die ihr euch nicht einmal vorstellen könnt. An eure Blicke habe ich mich also gewöhnt, aber das Staunen habe ich trotzdem nicht verlernt. An einem fremden Ort bleibt einem ja nichts anderes übrig, als das Staunen. Ihr könntet die Welt auch nicht mehr verstehen, wenn ihr statt auf einer Touristeninsel in Thailand in meiner Geburtsstadt Bamboi in Ghana stehen würdet. Würden euch unsere Blicke Angst einjagen? Was würdet ihr in unseren Augen lesen? Dass wir über ganze andere Dinge staunen, liegt auf der Hand. Hier in der Schweiz habe ich das erste Mal in meinem Leben gesehen, wie ein Mensch die Kacke seines Hundes vom Gehsteig aufgehoben und in eine Plastiktüte gesteckt hat. Die Frau war alt, sie trug ein elegantes Kleid und konnte kaum gehen. Den Blick ihres Hundes werde ich nie mehr vergessen. Hätte ich der Frau erzählen sollen, dass ich Hunde gegessen habe auf meinem langen Weg in ihr Land? Hunde, die wir mit Steinen erschlagen und dann auf dem Feuer gebraten haben. Eure Metzgereien riechen wie Apotheken, es sind Metzgereien für Vegetarier. Eure Alten sind angezogen wie Teenager. Eure Wohnzimmer sehen aus wie Musterzimmer in Möbelgeschäften. Eure Stimmen sind entweder zu laut und rechthaberisch oder zu leise und verlogen. Viele eurer Frauen sehen aus, als würden sie gleich weinen. Viele eurer Männer sehen aus, als würden sie gleich schreien. Viele eurer Kinder sehen aus, als gehöre ihnen die Welt. Man kann sich an vieles gewöhnen, offensichtlich auch an Reichtum und daran, dass es einem gut geht. Nein, wir leben nicht in der gleichen Welt, da nützt das ganze gut gemeinte Geschwätz von wegen ´wir sind alle gleich´ nichts.

Wir sind nicht alle gleich.

Zum Glück.

Ich möchte gar nicht sein, wie ihr seid.

An einem Grillfest von einer Organisation, die sich um uns kümmert, hat mir ein weisser Mann in meinem Alter mit kahlrasiertem Kopf und Hornbrille erklärt, was das Problem von Afrika ist. Wir Afrikaner sind das Problem von Afrika, hat er mir erklärt. Der Mann hat die ganze Welt gesehen, in Afrika war er auch, in Kapstadt. Dass Südafrika und Ghana etwa soviel miteinander zu tun haben wie die Schweiz und Polen, hat ihn nicht interessiert. Er hat mir dauernd die Hand auf den Arm gelegt, der Blick seiner Frau hat mir verraten, dass er auch ihr Vorträge hält und ihr nicht zuhört. Bei den meisten von euch sieht man sofort, warum ihr euch mit uns unterhaltet. Weil ihr ein schlechtes Gewissen habt. Weil ihr alles besser wisst und uns die Welt erklären wollt – auch unsere Welt, von der ihr nichts wisst. Und ihr redet mit uns, weil ihr unglücklich seid. Unglücklich und einsam, weil ihr eure Eltern in teure Altersheime abschiebt und eure Kinder in Klavier- und Tennisstunden.

Meine Reise zu euch war natürlich keine Reise, sondern eine Flucht. Sie hat mehr als neun Monate gedauert. 187 Tage. 4488 Stunden. Ghana. Togo. Benin. Nigeria. Niger. Algerien. Marokko. Spanien. Frankreich. In Arlit in Niger hat mich ein Mann mit einem Messer am linken Arm verletzt, weil ihm mein Arsenal-Shirt gefiel. In Tamanrasset in Algerien lebte ich elf Wochen in einem Lager am Rand der Stadt in der Wüste, ein Geist unter anderen Geistern. Dort habe ich gelernt, unsichtbar zu sein und mit der Welt zu verschmelzen, in der ich mich befinde. Ich bin der Mann, der im Bild verschwindet. Darum findet mich keiner, nie mehr. Die Wüste ist das Schönste, was ich je gesehen habe. Und sie ist der schrecklichste Ort, den ich mir vorstellen kann. Ich hätte nie gedacht, dass ich die Sonne hassen könnte.

Über die Zeit im Asylzentrum Juch rede ich nicht.

Ich will nicht jammern. Ich will mich nicht beklagen.

Ich bin untergetaucht, weil man mich irgendwann ausgeschafft hätte. Zurückgebracht nach Ghana. Das geht nicht. Ich muss hier bleiben.

Ich lebe.

Ich staune und lebe.

Ich träume und lebe.


George W. 31, aus Bamboi in Ghana. Lebt irgendwo im schweizerischen Mittelland.
Hansjörg Schertenleib, 54, lebt in Irland und in Suhr im schweizerischen Mittelland.


->Diesen Text als RTF-Dokument herunterladen



Pressestimmen


Alle Texte als ZIP-Archiv herunterladen




© https://kunst-und-politik.ch/  |  Impressum  |  Zum Seitenanfang