Und dass mir niemand mehr
Mit Werbung kommt
In Heidy-Grusicals
Und kitschigen Heimat-Serien
Mit quadrophonem Kuhgeläut
Und Reality-TV
Mit Geissenpeter und Alpsauheiri
Mit Plastik-Alphornuntermalung
Und edelweissverziertem Country-Groove
Um uns Bergler in den Bergen abzuspeisen
Mit der uperisierten Magermilch im Pappbehälter
Der TV-seriellen Denkungsart!
Damit hat man uns Mountain-People jetzt
Lang genug schon mit Erfolg für Entertainerkassen
Servil und rückgratlos gemacht!
Ich hab als wahrer Almöhi jetzt die Tyrannei
Mit spitzem Milchbart
Weiss der Himmel genug gelitten!
Ich will der Freiheit Morgen
Endlich schäumen sehn
Und zwar bernsteingelb!
Und sprudeln sollen
Malz und Hopfen
Uns im Alpenglühn!
Und gurgeln soll
Der goldne Bergbach des Aufruhrs
gletschereisgekühlt und
Bitter schäumend
Durch die Älplerkehle die
Ausgetrocknet – weniger
Von duftend stäubendem Bergheu
Als von miesen Werbetexten
Und dünnen Soaps –
Nach der grossen sprich:
Nach der wahren
Freiheit lechzt!
(Nach Andreas Gryphius)
Du siehst, wohin du schaust, Zerstörung nur auf Erden;
Was gestern ward zur Statue, reisst einer heute ein;
Wo einst die Wiese war, gleisst heute Grossstadt-Schein;
Fort ist die Milka-Kuh, die auftrat hier in Herden...
Was gestern grün geblüht, ist heut' in Gift erstickt;
Wo früher atmet' Wald, starrt heute Stacheldraht;
Und ewig herrschen nur die Banken und der Staat;
Es lachte uns Natur, nun donnert Flugzeug-Lärm...
Der grossen Herren Macht hat unsern Traum zerstört!
Wie kann den Fortschritts-Wahn die Menschheit überstehn?
Ach, wo ist es wohl hin, was wir so köstlich nennen...?
Nur zahlen herrschen heut', Profit und Effizienz!
Ein lockig Schäferkind du heut vergeblich suchst...
Doch wollen, wie es ist, nur wenige erkennen...
(Frei nach Heinrich Heine)
Man kann nicht sagen, sie mochten sich:
Jungdichter der eine, der andre Germanist.
Wenn er Polit-Poeme machte,
Der kam ins Seminar und lachte.
Der Tag verging mit Studium und Kampf,
Die Nacht mit Strategie- und Spagettidampf
Und als man die Prüfungen schwer ihm machte...
Sass der in der Kneipe und lachte.
Er schrieb sein Liz über Antifa
Und ging auch tapfer ins Alternativseminar.
Und auch beim besetzten AKW er wachte...
Der schrieb seinen Doktor über Goethe und lachte.
Er schrieb ein linkes Theaterstück,
Und noch eines, alle sehr engagiert,
Die dem neuen Dramaturgen er brachte:
Der sass in der Kantine und lachte.
Da schrieb er einen Roman über alles das,
Was erlebt und erlitten er hatte,
Und was er von dieser Gesellschaft dachte:
Der sass im Verlagslektorat und lachte.
Und weil niemand seine Gedichte, Romane
Und brisanten Theaterstücke brachte,
Heisse Reportagen er nun eines Tages machte:
Doch wer sass in der Redaktion und lachte?
Da sank er schliesslich dahin, der Unsterbliche, halt,
Und die Maus entsank seiner Faust.
Ein Anonymer am Grab eine Weile wachte,
Publizierte einen "tief empfundenen Nachruf" –
Und lachte!
Wieder einmal wollte ich als Citoyen
den Service public unterstützen
gab meinem Chauffeur einen freien Tag
und nahm den IC Genf-Basel.
Doch war da weder ein Speisewagen
noch ein Wägelchen um zu Fooden
und zwar wegen eines "technischen Problems"
wie es über Lautsprecher mehrmals blecherte.
Die CEO's mit den gefährlichen
Man-in-black-Brillen jonglierten schon
mit ihren Kreditkarten-Leporellos
und liessen blinkende Handys blitzen
hatten sie doch eben den Atlantik überquert
kamen vom Aéroport Genève-Cointrin hungrig nach
einem Meal in einem jener berühmten Schweizer
Wagons-Restaurants und merkten jetzt
dass alle Kreditkarten und Handys zusammen
kein Essen herschafften und jeder vereinzelt
einem Midas gleich den die Götter erhört hatten
und alles zu Gold verwandelte was er berührte
wurden die armen Manager zu magen-
knurrenden Nörglern die nicht einmal
Gedichtbücher dabei hatten wie ich um lesend
ihren Hunger in Ekstase zu verwandeln.
Unablässig gaben sie wie Marschbefehle
Rezepte an Handynummern durch
und werden wohl jetzt heisshungrig über ihre Teller
herfallen während ich hier am Basler Literaturfestival
ruhig und gut gedopt von Hunger-Halluzinationen
à la radeau de la Méduse als Menschen Menschen
verspeisten meine Gedichte aus fünfundzwanzig Jahren vortrage.
Doch für die Rückreise an den Genfersee
das könnt ihr mir nicht verübeln hab ich bereits
meinen Chauffeur wieder bestellt denn in der Minibar
meiner Luxus-Limousine harren meiner bereits etliche
schmackhafte Bio-Häppchen aber wie sich meine
Fahrplan-Änderung auf unsere Umwelt
und das ganze Ökosystem auswirkt besonders wenn
die andern Herren auch so reagieren und in Zukunft
ebenfalls ihre ureigene Privatkutsche bestellen
um nicht mitten in der schönen satten Schweiz
auf offener Strecke hungern zu müssen –:
das mein sehr verehrtes Publikum
ist natürlich eine andere Frage…
(Vorgetragen am Literaturfestival Basel 2004. À propos: "mitten in der schönen satten Schweiz": auch in einem eher ironisch gefärbten Gedicht muss doch auch an die Tatsache erinnert werden, dass heute in der Schweiz 850 000 Menschen unter der Armutsgrenze leben.)
Hans Peter G A N S N E R
Schriftsteller, Journalist und Übersetzer
Geboren am 20. März 1953 in Chur
Lebt als freier Schriftsteller und Publizist in Genf und Hoch-Savoyen