die schweiz – darüber hinaus!

politische lyrik 2011

dichter und  dichterinnen schreiben politische gedichte in den landessprachen der Schweiz. sie äussern sich mit der sperrigen, subtilen stimme der poesie zur gegenwärtigen politischen lage der schweiz – und darüber hinaus! sie wenden sich mit ihren mitteln gegen eine verdumpfung des öffentlichen diskurses, gegen simplifizierung und fremdenhass.

was ist denn am gedicht politisch? ist es möglich mit einem gedicht explizit politische inhalte zu äussern?

aufgrund neuer formen, wie zum beispiel der slam poetry oder auch dem intensiveren miteinbezug der sprache in der bildenden kunst, hat sich der sprachlich-poetische einfluss oder gebrauch erweitert. 

oder: in unserer zeit, in der das ökonomische das politische bestimmt, spielt das gedicht implizit eine äusserst provokante und subversive rolle. da es sich dem dogma der mehrheit, der gewinnmaximierung und des kompetitiven siegens kategorisch verweigert. oder – in diesem zusammenhang – als relevantes medium schlicht nicht wahrgenommen wird.

gibt es die bestsellerdichterin? das gedicht der saison? die sensationelle auflagenzahl eines gedichtbandes? das grosse gedicht der schweiz? und dennoch – das gedicht existiert!

gedichte werden weiterhin geschrieben, sogar vermehrt als noch vor zwanzig jahren. veranstaltungen sind aus dem boden geschossen, neue generationen haben neue formen  etabliert. oder an den traditionellen festgehalten und sie weiterentwickelt.

es ist auch unser anliegen, die zeitungen zu ermuntern, wieder vermehrt gedichte abzudrucken, ihnen platz zu geben – eine gelegenheit für lesende im täglichen news-stress zu verweilen – bloss um der gedanken – der komplexität willen. man könnte es auch nennen: aufruf zur politischen meditation.

johanna lier

Fotos und biografische Angaben der Verfasserinnen und Verfasser finden Sie in meisten Fällen im Netz. Für Rückfragen wenden Sie sich an lyrik2011@kunst-und-politik.ch


Copyright:
die gedichte dürfen nach absprache honorarfrei einmalig integral abgedruckt (oder ausgestrahlt) werden. es ist auch möglich, mit beteiligten personen interviews zu führen. und dichter oder dichterinnen zu lesungen einzuladen. bei interesse bitten wir um kontaktaufnahme: johanna lier / lyrik2011@kunst-und-politik.ch / 078 881 31 43

ausdrücklich nicht gestattet ist es, die gedichte ohne rücksprache mit der jeweiligen autorin / dem jeweiligen autor in gekürzter form zu publizieren.


Gabrielle Alioth


Beyond

In the province of irrelevance
We shelter under medieval roofs
From the incipient rain
Looking at murals of long lost wars.

No words after this
We said.
No names for the unspeakable
We repeat
Over dinners of doves
and laurel-spiced lamb.

But the fires will burn again
Sparked by forgetfulness
Fed by greed,
While we draw curtains,
Switch channels
and don’t look beyond.

Tomorrow the rain may have ceased.
It might be cold and we will walk faster
Choking the longing
For pain to return.


Siebenundzwanzig Jahre im irisch-englischen Sprachraum haben mich gelehrt zu tun, wozu mir in der Schweiz der Mut fehlte: Gefühle in Worte zu fassen. Politik ist (auch) Gefühlssache; die Worte sind Englisch.




Rudolf Bussmann


Materialien zu einer Anrede
für die Festansprache am 1. August

Eigentlich sollte es eine Festansprache für den 1. August werden. Die Anrede war in Vorbereitung. Als sie Gestalt anzunehmen begann, konnte ich mir die zugehörige Rede auf einmal nicht mehr vorstellen. Was tun? Ausgesehen hätte sie etwa so:

Liebe am 1. August Geborene

Einen einzigen Jubilar zu feiern hat immer etwas Aristokratisches.

Liebe am 1. August Geborene
liebe am 2. August Geborene
liebe am 3. August Geborene
liebe am 4. August Geborene

und so fort durch das Jahr bis zum 31. Juli.

liebe Verwaltungsratspräsidenten
liebe Aufsichtsratsvorsitzende
liebe CEOs

Überhaupt, wo soll man beginnen? Oben bei denen, die das Sagen haben? Oder unten, bei denen die das Schweigen haben? Oder beim Mittelmass, beim Durchschnitt, dort wo die meisten Reden, die in der Schweiz gehalten werden, hinzielen –

sehr geehrte Herren und Damen Bundesräte
sehr geehrte Herren Parteivorsitzende

Ich entschied mich, beim Anlass zu bleiben, beim Geburtstag

liebe Ungeborene, Halbgeborene, In-vitro-Fertilisierte
Geklonte, Sterilisierte
liebe Wunschkinder, Wunderkinder, wir freuen uns an euch
liebe hochbegabte Kinder, wir rechnen mit euch:
          49 mal 49 gibt? – 2401 – Bingo!

und dann einfach so fort

hoi zäme, DJs, Hip Hoppers, Housers, Trancers, Rockpoppers
Easy Goers, Trendies, Coolies, Street Paraders, Love Paraders
hoi zäme Piercingzungenküsser, Landdiscoabend-Bracedancers

hoi, ihr Jugendarbeitslosen

Du musst das Volk ansprechen, hatte mir ein Freund empfohlen. – Wo ist das Volk, fragte ich. – Dort, wo du hinsprichst, sagte er.

hoi, ihr Langzeitarbeitslosen
Wegrationalisierten, Gesundschrumpfungsabfälle, Sanierungsinvalide, Restrukturierungskrüppel, Fusionsrestbestände, Verschlankungsschlacken,
hoi Redimensionierungs- und Rationalisierungs-Reservisten
hoi zäme, Handlanger, Hand-an-sich-Leger, Suizidpräventionisten, Sterbebegleiter

verehrte Insassen von Altersheimen, Pflegeheimen, Erholungsheimen, Fitnesszentren, Rehabilitationszentren, Wellnessresorts, Krankenhäusern, Einzelzellen, Hochsicherheitszellen, Hochhausfrischzellen

hallo Anhänger der ehrlichen Küche
hallo Katzenmütter
hallo Kuckucksuhren-Kuckucks-Schützer, Biolanddoppelquartette Pontonierfahrvereine Worblaufen
hallo Heimat-Beach-Volleyballer
hallo Inland-skater
hello Walky-Talky-Happy-Handy-Ländli-Small-Talkers

gerne schicken wir Ihnen unseren
Geldberater, Budgetberater, Anlageberater, Vorsorgeberater, Immobilienberater, Bauberater, Familienberater, Erziehungsberater, Kommunikationsberater, Gesundheitsberater, Reiseberater, Ernährungsberater, Hygieneberater, Lebensberater, Sexberater, Games- and Toolsberater
gerne schicken wir Ihnen unseren Sicherheitsberater

jeder sein FreeLandser
jeder sein Jägermeister
jeder sein Kleinkaliber
wenn dä Nachtlärm nit sofort ufhört!
jeder sein Ordonnanzwaffenwächter
Jeder sein Selbstverteidigungszubehör
dert äne am Bärgli, dert schtoht  ein Asylantenheim
Jeder sein Nur-im-Ernstfall-Eingreifer
aber wenn de eine vo dene meint

ein spezieller Gruss an euch, Obdachlose, Schlaflose, Sprachlose, Hoffnungslose, Papierlose, Flüchtlinge und Asylsuchende

Lass um Gotteswillen die Ausländer weg!

ein spezielles Grüezi an euch, Asylantenbetreuer
Asylantenhasser
Asylantenbetreuer-Hasser
Asylantenbetreuerhasser-Betreuer

sowie an euch, liebe Untertunnler
liebe Überführer
Umzäuner, Einzäuner, Einigler, Abschotter
Dert es Hegli, do-n-es Müürli
liebe Abbauer, Anbauer, Umbauer, Rückbauer
Do-n-es Beizli, dert es Schüürli
Verschweisser, Verschliesser, Versiegler, Vernieter
Abwäger, Abwiegler, Abwimmler, Abschmetterer

liebe Nur-auf-dafür-vorgesehenen-Plätzen-Campierer
liebe Die-Strasse-nur-auf-markierten-Streifen-Überquerer
liebe Nicht-aus-dem-Fenster-Spucker
liebe Keine-Abfälle-auf-den-Boden-Werfer
liebe Nur-in-den-dafür-vorgesehenen-Räumlichkeiten-Raucher
liebe Mer-heis-gäng-eso-Gmachter
liebe This-is-the-terminal-station-you-are-kindly-requested-to-leave-the-train-leavers
liebe Ab-20-Uhr-sowie-an Sonn-und-Feiertagen-keine-Flaschen-in-den-Container-Werfer

Und vergiss das Positive nicht!

gerne begrüssen wir Sie in unserem Unternehmen
als kreative und zuverlässige Persönlichkeit
als aufgeschlossene, freundliche und entschiedene Persönlichkeit
als exakte, flexible, disziplinierte und initiative Persönlichkeit
als fachkompetente, sachkompetente, sozialkompetente, ambitionierte, integre Persönlichkeit
als erfahrene, engagierte, innovative, solide – Jo grüezi wohl Frou Stirnimaa! – vertrauenswürdige, ruhige Persönlichkeit
als kommunikationsfreudige – säget si, wie läbet si, wie sind si ou so dra? – diskrete, loyale, belastbare, einsatzbereite, dynamische, motivierte Persönlichkeit
als teamfähige, selbständige, unternehmerisch denkende Persönlichkeit

schön dass Sie beruflich weiter kommen wollen
schön dass Sie eine neue Herausforderung suchen
schön dass Sie in unser Anforderungsprofil hineinwachsen wollen
schön dass wir Sie zu Ihrem persönlichen Erfolg führen dürfen
schön dass Sie Ihre Zukunft bei uns anlegen wollen

Wir sehen in Ihnen unseren zukünftigen
Group Cash Manager
Quality Manager
Engagement Projects Manager
Operations Manager
Event Manager
Relationship-Manager
Key Account Manager
Personal Liaison Manager
Technical Purchasing Manager
Human Resources Manager
Business Support Manager
District Sales Manager
Education Manager

liebe Deutschlehrer

liebe Manager in Regulatory Affair
liebe Manager in Quality Assurance
Financial Planning and Analysis Managers
Export Area Sales Managers

liebe Controller
liebe Sales Controller
Division Controller
Departement Controller
Controllers in Facility Management
Controller der am 1. August Geborenen
Controller der am 2. August Geborenen
Controller der am 3. August Geborenen
Controller der am 4. August Geborenen

und so fort durch das Jahr
und so fort durch das Land

Liäbi Landsliit, huere verdammti chäibe Söipleger!

— und hier eben hätte dann die Rede begonnen.




Lisa Elsässer


schafzucht schlafsucht

da waren die schafe
da waren diese schafe
da waren diese schwarzen schafe

diese schwarzen werden gerne exportiert

da bleiben diese weissen schafe
da bleiben diese weissen
da bleiben die weissen

unser land ist ein weisses schafland
unser land ist ein wolliges weisses schlafland
unser land ist ein schlafendes weisses schlaraffenland

lieb vaterland magst endlich heulen kein feind betritt hier
deinen reinen weissen strand

2011




Ingrid Fichtner


Könnte sein

Könnte sein
dass nur wenige daran denken
dass das Eis an den Polen schmilzt
und warum

Könnte sein
dass nur wenige daran denken
wie verschmutzt wie verseucht wie leer gefischt
die Meere sind wie tot sie bald sein werden
und warum

Könnte sein
dass nur wenige daran denken
wie viele Fische Vögel Säugetiere wie
viele Tiere in ihrem Bestand gefährdet sind
wie viele es bald nicht mehr geben wird
und warum

Könnte sein
dass nur wenige daran denken
wie ausgebeutet aller Boden ist
wie er weiter ausgebeutet wird wie vergiftet
er schon ist wie er weiter vergiftet wird
wie er weiter vernichtet wird
und warum

Könnte sein
dass nur wenige daran denken
in welcher Luft in welcher Atmosphäre wir leben
wie viel und welcher Weltraumschrott über
unseren Köpfen kreist und sich vermehrt
und warum

Könnte sein
dass nur wenige daran denken
dass diese Erde fast nur noch
Spielplatz Rummelplatz sein soll
und warum

Könnte sein
dass es auch keinen unmittelbaren Nutzen bringt
zu fragen woran denn viele andere denken
und warum




Heike Fiedler



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Simon Froehling


ältere brücken

sie räkeln sich am unteren
oberen letten am mythenquai
im tiefenbrunnen in den uv-
strahlen haben keine sorgen

nur sein! und keiner der horcht
den möglichkeiten entlang
den breiteren strassen einem
mächtigeren fluss älteren
brücken in sehr fernen städten

in denen man die behäbigkeit abschütteln
und einziehen müsste in eine sprache
noch zu erfinden ohne imperativ




Brigitte Fuchs



N A T I O N A L F E I E R T A G
A T I O N A L F E I E R T A G W
T I O N A L F E I E R T A G W A
I O N A L F E I E R T A G W A S
O N A L F E A G W A S G
N A L F E I G W A S G I
A L F E I E W A S G I B
L F E I B T
F E I B T S
E I E T S Z
I E R T A G I B T S Z U
E R T A G W B T S Z U F
R T A G W A T S Z U F E
T A G W A S G I B T S Z U F E I
A G W A S G I B T S Z U F E I E
G W A S G I B T S Z U F E I E R
W A S G I B T S Z U F E I E R N




Wolfram Malte Fues


Cash-
Flow (sprich: Floh), genug
kommunikative Kompetenz
erlegt, zerlegt
zerkaut, verdaut
habend, nahm
das Kopfblatt bei seiner rechten Hand
brachte ihn zum Buffet
der Stimmkreiden Fortschritt
Freiheit Fairness Frieden
Vernunft Volk Verantwortung. Flow
nahm von allem ein bisschen, die Texttür
vor den sieben jungen Greislein
ging auf. Da
erschraken sie sehr
und wollten sich verstecken.
Das erste sprang
unter den Aufschneidetisch
das zweite
in den Grundsatzspiegel
das dritte
in den Schmalzschmelzofen
das vierte
in die Gerüchteküche
das fünfte
in die Weißwaschschüssel
das sechste
in den Kritikasten
und das siebte sogar
in die Abwaage
des Chefredaktors.


Floh aber
kaschte sie alle, Leit-
artikel für Leit-
artikel.




Zsuzsanna Gahse


Hochsommerfeuer

Gut zwei Wochen nach dem
Schweizer Feiertag, dem
Nationalfeiertag, und fünf
Tage vor einem großen
nationalen Feiertag in Ungarn,
etwa einen Monat nach dem
Tag der Franzosen und genau
an jenem Sommertag, den die
Römer feierten, weil die
Sommerhitze ihren Höhepunkt
erreicht oder überschritten hatte,
an einem Sommertag, mitten im
Sommer, das ist auffallend, findet
demnächst ein weiteres Fest statt,
der Erholungstag der Mehrländer,
es gibt viele Mehrländer im
Gegensatz zu den Einländern,
nur werden sich die Mehrländer
den Tag wahrscheinlich
ebenso aus dem Sinn schlagen,
wie alle Privatangelegenheiten
der Einländer mit deren jeweils
absolut eigenen Sommertagen.




Hans Peter Gansner


Politische Gedichte

 

Almöhis Protest-Jodel

 

Und dass mir niemand mehr

         Mit Werbung kommt

                  In Heidy-Grusicals

                            Und kitschigen Heimat-Serien

                                     Mit quadrophonem Kuhgeläut

 

Und Reality-TV

         Mit Geissenpeter und Alpsauheiri

                  Mit Plastik-Alphornuntermalung

                            Und edelweissverziertem Country-Groove

 

Um uns Bergler in den Bergen abzuspeisen

         Mit der uperisierten Magermilch im Pappbehälter

                  Der TV-seriellen Denkungsart!

 

Damit hat man uns Mountain-People jetzt

         Lang genug schon mit Erfolg für Entertainerkassen

                  Servil und rückgratlos gemacht!

 

Ich hab als wahrer Almöhi jetzt die Tyrannei

         Mit spitzem Milchbart

                  Weiss der Himmel genug gelitten!

 

Ich will der Freiheit Morgen

         Endlich schäumen sehn

                  Und zwar bernsteingelb!

 

Und sprudeln sollen

         Malz und Hopfen

                  Uns im Alpenglühn!

 

Und gurgeln soll

         Der goldne Bergbach des Aufruhrs

                  gletschereisgekühlt und

                            Bitter schäumend

 

Durch die Älplerkehle die

         Ausgetrocknet – weniger

                  Von duftend stäubendem Bergheu

                            Als von miesen Werbetexten

                                     Und dünnen Soaps –

 

Nach der grossen sprich:

         Nach der wahren

                  Freiheit lechzt!

 


Der Krieg ist heute eine Alltags-Plage

 

(Nach Andreas Gryphius)

 

Du siehst, wohin du schaust, Zerstörung nur auf Erden;

Was gestern ward zur Statue, reisst einer heute ein;

Wo einst die Wiese war, gleisst heute Grossstadt-Schein;

Fort ist die Milka-Kuh, die auftrat hier in Herden...

 

Was gestern grün geblüht, ist heut' in Gift erstickt;

Wo früher atmet' Wald, starrt heute Stacheldraht;

Und ewig herrschen nur die Banken und der Staat;

Es lachte uns Natur, nun donnert Flugzeug-Lärm...

 

Der grossen Herren Macht hat unsern Traum zerstört!

Wie kann den Fortschritts-Wahn die Menschheit überstehn?

Ach, wo ist es wohl hin, was wir so köstlich nennen...?

 

Nur zahlen herrschen heut', Profit und Effizienz!

Ein lockig Schäferkind du heut vergeblich suchst...

Doch wollen, wie es ist, nur wenige erkennen...

 


Der Kommilitone

 

(Frei nach Heinrich Heine)

 

Man kann nicht sagen, sie mochten sich:

Jungdichter der eine, der andre Germanist.

Wenn er Polit-Poeme machte,

Der kam ins Seminar und lachte.

 

Der Tag verging mit Studium und Kampf,

Die Nacht mit Strategie- und Spagettidampf

Und als man die Prüfungen schwer ihm machte...

Sass der in der Kneipe und lachte.

 

Er schrieb sein Liz über Antifa

Und ging auch tapfer ins Alternativseminar.

Und auch beim besetzten AKW er wachte...

Der schrieb seinen Doktor über Goethe und lachte.

 

Er schrieb ein linkes Theaterstück,

Und noch eines, alle sehr engagiert,

Die dem neuen Dramaturgen er brachte:

Der sass in der Kantine und lachte.

 

Da schrieb er einen Roman über alles das,

Was erlebt und erlitten er hatte,

Und was er von dieser Gesellschaft dachte:

Der sass im Verlagslektorat und lachte.

 

Und weil niemand seine Gedichte, Romane

Und brisanten Theaterstücke brachte,

Heisse Reportagen er nun eines Tages machte:

Doch wer sass in der Redaktion und lachte?

 

Da sank er schliesslich dahin, der Unsterbliche, halt,

Und die Maus entsank seiner Faust.

Ein Anonymer am Grab eine Weile wachte,

Publizierte einen "tief empfundenen Nachruf" –

 

Und lachte!


Die letzte Chance

 

Wieder einmal wollte ich als Citoyen

den Service public unterstützen

gab meinem Chauffeur einen freien Tag

und nahm den IC Genf-Basel.

 

Doch war da weder ein Speisewagen

noch ein Wägelchen um zu Fooden

und zwar wegen eines "technischen Problems"

wie es über Lautsprecher mehrmals blecherte.

 

Die CEO's mit den gefährlichen

Man-in-black-Brillen jonglierten schon

mit ihren Kreditkarten-Leporellos

und liessen blinkende Handys blitzen

 

hatten sie doch eben den Atlantik überquert

kamen vom Aéroport Genève-Cointrin hungrig nach

einem Meal in einem jener berühmten Schweizer

Wagons-Restaurants und merkten jetzt

 

dass alle Kreditkarten und Handys zusammen

kein Essen herschafften und jeder vereinzelt

einem Midas gleich den die Götter erhört hatten

und alles zu Gold verwandelte was er berührte

 

wurden die armen Manager zu magen-

knurrenden Nörglern die nicht einmal

Gedichtbücher dabei hatten wie ich um lesend

ihren Hunger in Ekstase zu verwandeln.

 

Unablässig gaben sie wie Marschbefehle

Rezepte an Handynummern durch

und werden wohl jetzt heisshungrig über ihre Teller

herfallen während ich hier am Basler Literaturfestival

 

ruhig und gut gedopt von Hunger-Halluzinationen

à la radeau de la Méduse als Menschen Menschen

verspeisten meine Gedichte aus fünfundzwanzig Jahren vortrage.

Doch für die Rückreise an den Genfersee

 

das könnt ihr mir nicht verübeln hab ich bereits

meinen Chauffeur wieder bestellt denn in der Minibar

meiner Luxus-Limousine harren meiner bereits etliche

schmackhafte Bio-Häppchen aber wie sich meine

 

Fahrplan-Änderung auf unsere Umwelt

und das ganze Ökosystem auswirkt besonders wenn

die andern Herren auch so reagieren und in Zukunft

ebenfalls ihre ureigene Privatkutsche bestellen

 

um nicht mitten in der schönen satten Schweiz

auf offener Strecke hungern zu müssen –:

das mein sehr verehrtes Publikum

ist natürlich eine andere Frage…

 

(Vorgetragen am Literaturfestival Basel 2004. À propos: "mitten in der schönen satten Schweiz": auch in einem eher ironisch gefärbten Gedicht muss doch auch an die Tatsache erinnert werden, dass heute in der Schweiz 850 000 Menschen unter der Armutsgrenze leben.)


Hans Peter G A N S N E R

Schriftsteller, Journalist und Übersetzer
Geboren am 20. März 1953 in Chur

Lebt als freier Schriftsteller und Publizist in Genf und Hoch-Savoyen




Leonor Gnos


Erde

Unsere Erde bestätigt sei dein Name
obschon dein Reich bis über die Linie
des Horizonts verwahrlost wird
gib uns trotzdem jeden Tag den Saft
deiner Wurzeln den roten Faden
deines Gedächtnisses und den Rhythmus
der dein Universum kreuzt

und vergib uns unsere Schuld
das Blut der Kriege in deinen Venen
unsern Faustschlag auf Flora und Fauna
gib uns trotzdem jeden Tag das nährende
Salzkorn die wechselnden Farben der Bäume
und das Bild eines Sterns

und vergib uns unsere Schuld
das Kerosin das zum Firmament wird
der Atommüll zur Erdkruste das tödliche Gift
in der Luft im Land im Wasser

und vergib uns unsere Schuld
den blinden Blick auf dich einzige Erde
als wüssten wir nicht woher wir kommen
und wohin wir zurückkehren




Nora Gomringer


Sie öffneten den Mund sehr weit

Und es kamen heraus:
Babys, denen man die Stirn bekreuzte.
Windräder, die laut im Garten des Nachbarn surrten,
goldenen Wind zu spinnen.
Reformen, Reformen, Refrains,
Meine Mutter, die entstieg dem Rachen.
Sie machte ein ratloses „tztztz“
Und überlegte, wohin mit der Türkei.
Einen langen Schal zog sie hinter sich her,
Telefonkabel, Abhöranlagen und einen alten Mann
Mit dem Namen eines Tycoons.
Laute Echos, die mir von Chancen
Ob meiner Jugend
Ob meiner Leistungskraft
– wie wenig sie doch von mir wussten dort unten...
Vieles versprachen.
Dichter flogen aus dem Schlund,
wie immer unerschütterlich dem Licht entgegen.
Taler entrollten den Kiefern und klingelten
Gen Norden, Osten,
Olivensüden, HotDogWesten.
Mein toter Großvater kam dieser Tage
Aus der Röhre gekrochen, die Säure setze ihm zu.
Es sei ihm zu gallig dort unten.
Sie hätten ihm gesagt, die Gräber der Alten,
die lehrten Respekt, das Rechts sei vom Links
kaum zu scheiden.
Und bald karpfte ich nach und redete Stuss
Begann selbst den Mund weit zu öffnen.

Juli 2011




Jürg Halter


Schweizer Psalm

Unsere Uhren, unser Bier, unsere Alpen
unsere Japaner, unsere Enzians, unsere Grillplätze
unsere Vereine, unsere Homosexuellen, unsere Traditionen
unsere Flüsse, unsere Demonstrationen, unsere Seen

Unsere Geschichte, unsere bepflanzten Verkehrsinseln
unsere vier Sprachen, unsere Asylanten, unsere Dichter
unsere Eingebürgerten, unsere Jugendlichen, unsere Banken
unsere Arbeiter, unsere Juden, unsere Himmel, unsere Musik

Unsere Tunnels, unsere Zeitungen, unsere Grenzen
unsere Politik, unsere jüngste Vergangenheit, unsere Polizei
unsere Kinder, unsere Armee, unsere Schwinger
unsere Stammtische, unsere Nationalmannschaften

Unsere Tagediebe, unsere Pendler, unser Heimweh
unser Fernweh, unsere Fernsehen, unsere Zünfte
unsere Muslime, unsere Toleranz, unser Neid
unsere schwarzen Schafe, unsere weissen Westen

Unsere Wellnesswochenden, unsere Globalisierung
unsere Matterhorns, unser Humor, unsere Humorfestivals
unsere Saunas, unser schlechtes Gewissen, unser kleiner Mann
unsere Herzschrittmacher, unser Speichel, unsere alten Zöpfe

Unsere Haare im Abfluss, unsere Zeitfenster, unsere Sackmesser,
unsere Pässe, unsere Spässe, unsere auf ewig gepachteten Privilegien
unsere Schulden, unsere Silikonbrüste, unser Kinderschänder
unsere Feigheit, unsere Begegnungszonen, unsere Verkehrstoten

Unsere Bus- und Tramfarben, unsere Dorfdiscos
unsere Rundfahrtschiffe, unsere Fonduesets, unsere Racletteparties
unsere Welschen, unsere Tschinggen, unsere Jugos
unsere Tamilen, unsere Deutschen, unser Zürcher

Unsere Extremsportarten, unser öffentliches Telefonieren
unsere Verwaltungsräte, unsere Subventionsleichen
unsere gierig nach Gratiszeitungen greifenden Hände
unsere virtuellen Profile, unser Kulturpublikum,

Unsere Luchswiederansiedlungsprogramme, unsere Schafskiller
unsere Textiltradition, unsere freundlichen Optiker
unser Filz, unsere Läuse, unsere Strassennetzdichte
unsere schönsten Gedichte, unsere Zugaben, unsere Abgaben

Unsere Süchtigen, unsere Kritik, unser Cannabis
unseren Wein, unsere Steuererklärungen, unsere Erotik
unsere Migros, unser Coop, unsere Bauern
unser Frauenstimmrecht, unsere Rasierapparate und Scheren

Unsere gebrochenen Herzen, unsere Selbstmordattentäter
unser Gewissen, unsere Recycling-Hörigkeit, unsere Foulards
unsere Weltoffenheit, unsere Küchenschränke, unsere Handgelenke
unsere glatzköpfigen Swinger-Klub-Besitzer

Unsere die Toilette runtergespülten Haustiere
unsere Rechten, unsere Linken, unsere Scham
unsere Schamlosigkeit, unsere sauren Zungen
unsere Ungewissheit, unsere Grenzen, unsere Bauern,

Unsere Finanzkrisen, unsere existenziellen Nöte
unsere Mundarten, unser Bankgeheimnis
unsere Künstler, unsere Mafia, unsere Einfamilienhäuser
unsere WGs, unsere Putzpläne, unser Sexleben

Unsere rauchenden Nichtraucher, unser Kokain
unsere in Gruppen auftretenden, gewalttätigen Männer
unsere Sozialwiedereingliederungsprogramme
unsere dunklen, uns auffressenden Nächte

Unsere Neutralität, unsere Altersheime, unsere Vergewaltigungen
unsere Gefängnisse, unsere Kirchen, unser Meer, unsere Sauberkeit
unser Fleisch, unsere Buddhisten, unsere Sicherheit:

Die alles verleibt sich uns ein
dies alles ist Teil von uns,
und bis in unseren Tod und darüber hinaus,
da werden wir Schweizer sein und Schweizer bleiben.




Martin Hamburger


Altersunterschied

Man spricht viel
von der Heiligkeit
ungeborenen Lebens
Treibt man es
ab
wird gepredigt
ist es gegen den Willen Gottes

Man spricht wenig
von der Heiligkeit
zwanzigjährigen Lebens
Treibt man es
in den Krieg
wird feldgepredigt




Svenja Herrmann


Der Beinlose

Wie wir doch sitzen
umgeben von Palästen –
zum Schwefelbrunnen pilgern Menschen
mit Krankheiten und Flaschen
ein Mann schiebt seinen Rumpf von Tisch zu Tisch
die Beine fehlen ihm wie uns die Münzen
tagein, tagaus erzwingt er das Schauen –
wie wir doch sitzen




Franz Hohler


Gerücht

Höheren Orts
wird nun
wie man munkelt
darüber nachgedacht
die Wolken zu privatisieren
grössere Sonderausschüttungen
sind zu erwarten
auch der Wind
soll bald
an der Börse gehandelt werden
denkbar ist ferner
die Fusion
von Hochdruck- und Tiefdruckgebieten
die Synergieeffekte wären beträchtlich
und schon beginnt
die Spekulation
mit Niederschlagsderivaten
Kontingenten von Hitzewellen
und Optionen
auf Sommergewitter.




Ingeborg Kaiser


halali

deine schritte übers
morgenfeld seltener
augenblick der eintracht
zwischen natur und mensch
unter glasblauer weite das
hügelige land satte
spätsommerfarben und dann
die tiere im geviert
schafe ziegen und schweine
gesichter mit rätselblick
dein sanftes streicheln sanfter
verrat eine äsende ricke stellt
die loser und flieht in
ihrer rotbraunen decke
stecken messer und gabel
halali in allen wäldern
trockenes gebell der
schüsse echorollen
vollzug und wieder

der rotfuchs glasaugig
um den kinderhals erbeutet
in polens wäldern und
lange von zeitmotten
zerfressen doch unversehrt
seine behagliche wärme in
deinem gedächtnis arglos bewahrt
ohne schüsse und schweissfährte
eilig der schlitten der jäger
mit dampfenden ponys
über das besiegte land
weidmannsheil weidmannsdank
und mitten ins siegergehabe der
blattschuss aus dem hinterhalt
die felldecken färbt das
neue blut du fürchtest
die vergeltung das gegenmetzeln
den partisanen am galgenbaum
gefroren wie sein land vom
wind sacht bewegt starr der
blick zum roten horizont
partisanen zahllos wie
krautköpfe und zahllos
die verschwundenen ein
blutbrunnen unaufhörlich
am fliessen durch das
jahrhundert namenlosen
tötens warschauer getto
sibiria auschwitz wald von katyn
stichworte gegen das vergessen
von der zeittafel abzurufen
deportieren umsiedeln aussiedeln
menschen wie strandgut
als heimat die gräber
der ahnen verblieben
am ort




Fredi Lerch


Richtigstellung

Der «FDP. Die Liberalen»
nach Merz und vor den nächsten Wahlen.

Ich grüsse Sie als Präsident
der Bananenrepublik
und dementiere vehement
alle Punkte der Kritik.

Sie wissen, dass gewisse Kreise
uns in diesen schweren Tagen
in indiskutabler Weise
lauthals anzugreifen wagen.

Vorab sei drum festgestellt:
Hier geht es um Staatszersetzung,
um ganz gemeine Volksverhetzung,
die die Wahrheit krass entstellt.

Gut, Sie fragen, wie es kam,
wie denn das Problem bei Licht
und aus objektiver Sicht
seinen Lauf ins Unglück nahm.

Unserm Land ist es beschieden,
klein zwar, aber reich zu sein,
in stetem Wohlstand und in Frieden,
stets neutral, doch nie allein:

Weltweit liebt man unsere Schweiz.
Dieses haben wir den Banken
eher als dem Staat zu danken:
Bankengeiz hat seinen Reiz.

Stürzen Banken, nützt zuzeiten
die Demokratie nicht viel:
Wer will noch politisch streiten,
steht der Wohlstand auf dem Spiel?

Um das Unglück abzuwenden
von dem schönen Heimatland,
lag das Notrecht anzuwenden
deshalb sozusagen auf der Hand.

Wir nahmen von dem Angesparten,
das das Volk als Staat besitzt,
achtundsechzig Milliarden,
weil das Geld so etwas nützt.

Dank dieser Garantie gelang es,
unsre Bankenwelt zu retten
um den Preis des Notrechtzwanges,
den wir gern vermieden hätten.

Klar, das will ich nicht verhehlen,
findet Umverteilung statt,
und die Gelder werden fehlen,
wenn das Volk sie nötig hat.

Das wird vielen nicht gefallen.
Doch dafür liebt uns die Welt.
Wir wolln den Gürtel enger schnallen –
was ist schon das schnöde Geld?

Sind wir denn nicht Eidgenossen?
Wo die Bundesflamme brennt,
stehn wir treu und unverdrossen.
Ich grüsse Sie als Präsident.




Johanna Lier


sagte einer letzthin
als er gefragt wurde
wer er denn sei

pour moi
la suisse est un passeport

und sie zerrissen
ihn wütend ja entsetzt

in der luft

vorläufig noch




Gabriele Markus


Betrug

Mein Kind war
zart und fein
hätt ich es
nie geboren

mein Kind war
satt und froh
hätt ich es
nie genährt

mein Kind ist
stark und mutig
hätt ich es
nie erzogen

nun lernt mein Kind
das Töten
ich habe es
immer betrogen.




Kurt Marti


Fünf Spätsätze

Fabrikaten einer »Denkfabrik« kann man nicht genug misstrauen.
*
Fürchterliches Wort: Einschulung.
*
Spitaleinlieferung: Fortan bist du kein Patient mehr, sondern eine Fallkostenpauschale.
*
Verbaute Schweiz: Zu viele Unternehmer, zu wenige Unterlasser.
*
Finanzkrise: Das globalisierte Finanzkapital bläst Regierungen und Völkern den Marsch.




Gerhard Meister


Richtige Schweizer

ihre Freunde auf Facebook
heissen wie sie
Heidi und Ueli
jodeln und kiffen
rätoromanisch
fressen sie Chäs und saufen
Sex on the Beach und
juchzen und schwingen
die Fahne in Phuket
gesetzeskonform
Stöck Wys Stich
das wissen sie
Fasnacht ist geil
doch diese Burka
und über den Furka
sind sie auch schon
nordic gewalkt
ihr Halbtax ihr GA
zerpendeln ihr Land
wählen zur Mehrheit
die Urne o Ueli o Heidi
lieben es richtige
Schweizer zu sein

12. Juli 2011




Roland Merk


Fragen über Fragen

Weshalb wahlfahren so viele nach Sankt Christophorus?
Wie viel Blech erträgt eigentlich das Land?
Von was leben eigentlich Goldfische,
und was ist der ontologische Status
eines Gummibärchens?
Wie viel trauriges Wasser
muss noch aus dem Brunnen
den Schwarzenbach runter,
bis wir die Suppe ausgeschluert,
die wir uns eingeblocht haben?
Können Katzen auf den Hund kommen?
Sind Waschbären in der Schweiz überhaupt noch nützlich?
Wann endet das Gutenbergzeitalter für den Tintenfisch?
Möchten Sie lieber ein Schwein oder eine Sau sein?
Möchten Sie nie Schwein haben?
Wie geht es Ihnen persönlich?
Sehen Sie manchmal auch schwarz?
Wieviel Fehrplay und Spass erträgt der Mensch,
verbortoluzzi nochmal?
Wann schweigen endlich die Trommeln von Oskar,
und ist der Kaspar ein Findelkind
oder gar ein Immigrant?
Warum ist überhaupt etwas
und nicht vielmehr nichts?
Toni or not Toni
that’s the question.
Geh mir aus der heiligen Sonne,
du Zotteltier!




Klaus Merz


1. August 2011

Auf zum Ge-
Denkmarsch

>
Rütli
Morgarten
Sempach
Näfels
<
Albisgüetli
Wollerau
Schluss:
Rhäzüns
>





Alberto Nessi


Chiasso, richiedente l’asilo

Sono qui sulla panchina di metallo
davanti a uno zampillo d’acqua morta
mi vede solo il pederasta zoppo
mi sfiorano quelli del bancomat

poi vanno a digitare sui computer
mentre la mia anima di vetro
s’infrange sul granito cinese
della zona semi pedonale.

Dentro di me porto la savana
il deserto, la foto di lei lontana
la parola che scrivo ogni giorno
e non spedisco, l’artiglio del male

però quel giorno che hanno fatto festa
ho servito i signori della parrocchia
la loro cattiva coscienza coloniale
io, col mio proiettile inesploso

con la mia lattina di birra sul marciapede
con la mia voglia di ridere, far l’amore
calcio la palla in questo recinto da zoo
mi siedo sul muretto a disturbare

il loro odio, la loro ordinaria infelicità:
ai piedi di un tiglio profumato
mi appoggio alla rete a guardare
uno si ferma a far cagare il cane.

*

Chiasso, Asylbewerber

Ich sitze hier auf der Eisenbank
vor mir sprudelt lebloses Wasser aus dem Boden
nur der hinkende Päderast sieht mich
nur die vom Geldautomaten streifen mich

dann gehen sie, tippen auf den Computern
während meine gläserne Seele
zerspringt auf dem chinesischen Granit
der verkehrsberuhigten Fußgängerzone

In mir trage ich die Savanne
die Wüste, das Foto von ihr, die weit weg ist
das Wort, das ich jeden Tag schreibe
und nicht abschicke, die Klaue des Bösen

doch an dem Tag, als das Fest war
habe ich sie bedient, die Herren von der Pfarrei
mit ihrem schlechten Kolonialgewissen
ich mit meiner nicht abgefeuerten Kugel

mit meiner Bierdose auf dem Gehsteig
mit meiner Lust zu lachen, zu lieben
spiele ich Fußball in diesem Zoogehege
setze mich aufs Mäuerchen, um zu stören

ihren Hass, ihr gewöhnliches Unglück:
zu Füßen einer duftenden Linde
lehne ich mich an den Drahtzaun und beobachte
einen, der stehenbleibt, um den Hund kacken zu lassen.

Übersetzt von Maja Pflug





Dragica Rajcic


Letzte Tag

in zürich wenn man es genau nimmt
in zürich elke lasker schüller strasse
am Freitag irgendeinem
werde wunder passieren
diese biblische
welche wiederhollbar ist bestimmt
ich werde wie immer mich wundern
wie viele wunden werden lautlos
heilen
mein brot wird stein
wein wird wasser
die gesunden werden krank sein
die kinder wie die greisen
beide wangen ungeschlagen
von freunden
in zürich wenn man es genau nimmt
passiert unterhalb der brücke
am Freitag diesen
von ahnungslosen gesehen
durchsuchung der verdächtigen
ihre haut ist schwarz
warum niemand
wund(ert ) sich




Viola Rohner


Von grossen Spielen

Den Sandkasten haben
sie verschlossen
den kleinen Berg
der echte Munition
enthält und
ein paar Stücklein Knochen
(noch vom 2. Weltkrieg her)

Den Kindern hätte man
das Köpferollen
verbieten sollen

Hinter der Grenze
da wo der Pfeffer wächst
hat jedes Korn jetzt einen Kopf
und jeder Kopf hat Augen

Mein grosser Bruder
schiesst und
schliesst den Schalter
Der mit dem Mantel in
den Landesfarben und
mit dem aufgeklebten
Wattebart




Wanda Schmid


Mit geweiteten Augen
schauen sie
auf das kalte Geheimnis

Kühlturm

Und die Herren
blicken über sie hinweg
und blinzeln sich zu

womöglich aber
meine Herren
wachsen den Steinen
auf den Gassen Flügel




Olivier Sillig


Ta ! ta ! ta ! ta ! ta !

La nuit passée, j'ai fait un rêve.
Des médecins, brancardiers, infirmières, en cohortes,
Traversaient, à pied sec, la mer rouge des pots-de-vin.
Avec notre emblème national,
Gravé au culot des douilles qui jonchaient le sol nu,
Ils estampillaient les petits cadavres déchiquetés,
Et les gros éléphants explosés.

Tandis que, autre part, ailleurs, ou ici,
Les maffias, affairistes et consorts se frottaient les mains,
Nous, poussins craintifs, restions blottis
Sous le giron de notre mère poule Patrie,
Heureux d'avoir su préserver, encore fois, nos emplois innocents.

Alors, émergeant enfin des brumes,
Slameur, je me suis rappelé
Que le vingt-neuf novembre,
Nous aussi avions
Notre mot à dire.




Sylvain Thévoz


Le dernier dodo

Quand les camps se sont ouverts/ Ils ont dit : « C’est la liberté qui rentre »/  Le camp allait au monde/ Ronces d’Auschwitz chiendent de Birkenau/ Les briseurs de grève sont venus/ Ils vivent seuls mangent peu savent serrer les poings/ Ils cousent des étoiles sur les ventres des mères.

Il avait une jolie jolie femme blonde/ Comme il se doit/ Cinq enfants bons ballons/ Cultivait fraises framboises haut gazon/ Fertilisés PH aux potasses humaines / Rouges bouches/ Il balisait les possibles des siens/ Rudolf Höss gardien du camp/ Chantait Wagner sous sa douche.

Racines cailloux/ Les victimes portent un numéro brisé/ Disent figurines mannequins/ Leur pesanteur est la poussière/ Elles évitent les regards taisent des mots/ Posent pansements pensées plaies/ Ecrivent sur des épluchures de pommes/ En cachette des signes secrets/ Avant, crues, de les croquer.

Les bourreaux : état civil boulanger peintre/ Tuent jusqu’à perdre la honte/ Rien ne peut les sauver/ Du regard intérieur tenant compte des silences / De tous les morts de la morgue / Les enfants jouent dans la cour d’école/ Se tapent dans les mains/ Tu ne sépareras pas l’alliance.

Avec les corps / On fabrique du savon/ Des toiles des cheveux / Des bâches des tibias/ On fabrique des fabriques / Une mort de vie/ Trou noir gelée de myrtilles/ Dans des cuillères tordues/ La luminescence des fours.

Ni dominé dominant/ Ni voix ni chiffre/ Pourquoi refuser?/  L’homme  monte dans le train / Des six heures en retard/ Composte son billet tourne la tête/ Il râle parce qu’il devra s’arrêter à Lausanne/ Voir, cela lui échappe complètement/ Les wagons plombés en queue de train.

L'amour comme la haine est une habitation large/ On y loge le ciel et terre/ Tous les sourires à la rue toutes les peines/ On y entre sans rage/ en ressort lavé/  Indemne autrement qu’un autre/ Frontière gardée de l’est/ Frontière gardée de l’ouest/ Aujourd’hui, jour d’élection / Je ne me lève même pas/ Je préfère me prélasser.

Plus le sentiment de sentir rien non/ Indifférent au ressenti-toucher-dire/ Demande de couvertures de cocons/ La caresse une main/ S’avoir où s’arrête commence/ Le lien  /Les projecteurs, les coups/ Les lames de rasoir/ Enfin je me responsabilise pour en finir.

Angoisse sans nom/ Rien de trop rien de plus/ Une ligne et trois chiffres/ Prison de Champ-Dollon/ La course dans les prés une fosse/ La nuit canif en poche/ Entortiller les pleurs/ Au fil du long sifflet de fer/ L’arbitre valide l’arrêt du match de foot/ Et la foule se lève.

Reprendre sol/ Racines emplacement / Aller d’ici là-bas le vers / Savoir sa stèle l’oublier / Hors l’action des nuages/ Nos morts ont migré/ Bancales nos âmes / Récitent kaddish/ En avant en arrière.

Le cœur : arrêté/ L’imaginaire : fracturé/ La marche : brisée/ L’état général : d’apparence/ On travaille on bouge on se marre pourtant/ Aux yeux du monde nous sommes les gagnants/ Les gros gras gagnants qui actionneront les fours / Mais cela n’arrivera pas ici/ Non, cela ne se peut pas/  Maintenant, avant d’aller dormir encore/ Un dernier petit film sur le sofa/ Et après : dodo. 

Genève, juillet 2011.




Ulrike Ulrich


wir

und ist das wir von sich aus gegen andere?
und ist das wir so kohärent? wer sind denn wir?
sind denn nicht wir die andren für die andren?
für irgendwen sind wir doch alle wir?
wir zwei. wir name, schule ort. wir gegend.
wir studium. wir lebensalter.
wir bildungsgrad, wir klüger, schöner, reflektierter.
wir waren’s nicht. wir haben sie ja nicht gewählt.
wir reisen anders und wir stehen bei der hymne auch nicht auf.
wir lesen nicht die köppelpresse.
wir kicken keine schafe aus dem land.
wir unterschreiben manchmal irgendwelche listen
wir arbeiten für wenig geld für die kultur.
wir sind ganz autonom und meistens individuell.
wir wissen ganz genau um die verblödung.
wir sehen selten fern und niemals weg.
wir treffen uns bei lesungen und vernissagen.
und fürchten uns für die nation, die wir nicht sind.
wir haben angst vor uns, die wir nicht sind.
was denkt man jetzt von uns, die wir nicht sind, im ausland?
wer sind denn wir? auf jeden fall nicht wieder wer.
wir waren niemals wer, das macht es uns auch leichter.
und sind doch besser als die meisten.
wer sind denn unsre väter mütter, länder sprachen?
und warum sind wir nie genug, die wir nicht sind?




Clemens Umbricht


Mary Wollstonecraft Shelley
in der Villa Diodati im Jahre 1818

Seit Tagen schlechtes Wetter, und jetzt der Euro,
der wie die hiesige Schokolade schmilzt.
Wie lange die Gletscher das noch mitmachen?
Dazu diese Voltasche Säule aus Flüchtlingen –
im Dunkeln flackert sie bis weit über den Genfersee
und löst unkontrollierte Muskelbewegungen aus
in einem Land, dem es objektiv, so scheint es,
an nichts fehlt. Oder doch? Wie immer genügt es,
einem Tatbestand eine Herkunft zu geben,
und schon ist der Unhold da, den sich alle
wünschen, nur um sich dann um so besser zu fühlen.
Aber heirate nur, Viktor, heirate den Käse,
die Metall-, die Uhrenindustrie und alle Exportgüter –
mein Geschöpf, glaub mir, wird dich immer
und überall aufspüren, egal, welche Geschäfte
du machst. Am Ende wird der Unhold
auf dem Scheiterhaufen brennen – wer, wenn nicht
ich, die ich seine Geschichte kenne, wüsste
das besser? – denn nichts hat ihn so sehr geärgert
wie dein ständiges Abseitsstehen, und du,
du wirst, zum Entsetzen aller, hocken bleiben
auf einem Eurokurs von 1:1 und fortan
ächzen mit dem Rest der Welt.




Raphael Urweider


so
jetzt sind plötzlich wir gefragt
was heißt da wir
ich meine ich
gefragt zu sagen was sache ist
in der politischen welt
was heißt da welt
ich meine hier
jetzt soll ich also sagen
was sache ist hier
hier das heißt in diesem land
und soll mich fragen weshalb
weshalb nur
ich das nicht immer tu
ich kann euch sagen
was heißt da euch
dir
ich kann dir sagen weshalb
weshalb ich mich meist
und vor allem in gedichten zurückhalte
ich habe politische gedichte gelesen
sogenannte
und fühlte mich bei allen ausgeschlossen
wenn ein schwede über schweden singt
eine deutsche über deutschland schreibt
ein norweger über norwegen sabbelt
und sie etwas zu der nation dem staat
oder gar europa zu sagen zu haben glauben
was sage ich sagen
schreiben
ich kann dir schreiben weshalb
weshalb ich mich zurückhalte
weil jeder politische furor
in den gedichten
nationalistisch und exklusiv anmutet
im sinne von ausschließend
und ich höchstens schreiben möchte
dass mir die nation auf deutsch gesagt
am arsch vorbei geht
diese wie die jenen
und der nationalismus
das sich festlegen auf eine nation
bei irgend einer tätigkeit
immer zu ausschluss und hass führt
ich gratuliere keinem land
zum geburtstag oder zu sonst was
so




Elisabeth Wandeler Deck


binde : oder bündel aus SCHWEIZ

oder
oder am andern fuss lahmen
oder auch weiter oben gehen
oder auch vielstimmiges rufen
oder
oder amsel halte den kopf
oder amsel mönchsgrasmücke
oder auch aus mittel europa
oder

oder aus
oder billige madonninen
oder besetzen okkupieren
oder vom schnürboden herab
oder
oder doch sie ausheben
oder INNgerinnsel in mir
oder die hand erhoben
oder

oder sie aus einander
oder ein kehllaut
oder buffostil
oder beide zugleich
oder
oder dann die namen der dinge
oder die härchen noch nicht haare
oder dann kitschversuche mit milchig
oder

oder der die
oder doch eher heidschnucken
oder die sonne krümmen
oder der auftrag einer firma
oder
oder doch sie aushebeln
oder dasselbe zu versuchen
oder das denkbar undenkbare
oder

oder der die
oder die schweigsamkeit an ihrer flanke
oder diva als eine frau am ende
oder die freundinnensätze müsste
oder
oder dreifach fang
oder plötzlich da
oder die sonne krümmen
oder

oder ein kehllaut
oder eine ansprache gesucht
oder fünf eingestrickten zehen
oder falls es ein jahr später
oder
oder fürs blabla ich
oder fehlendes körperglück gehe
oder gegenplatzierungen
oder

oder gar nicht




 




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