Projekt Rousseau / Projet Rousseau

Die zahlreichen Aktivitäten rund um das Tricentenaire de la naissance de Jean-Jacques Rousseau in der Romandie (z.B. www.rousseau2012.ch ) beschämen die übrige Schweiz, wo der Jahrestag vor 100 Jahren ein großes Thema war, wo aber heute von der Wiederkehr des Geburtstags öffentlich bislang kaum Notiz genommen worden ist.

NB: Die Pro Helvetia hat das genannte Projekt zwar, wohl auf Gesuch hin, unterstützt.
Die Idee indessen, einen solchen Jahrestag zu einem nationalen Projekt zu machen liegt der Stiftung derzeit fern (bis September amtiert noch Direktor Knüsel, bevor er der aufgespeckten Zürcher Volkshochschule AG – sowas gibt es neuerdings! — als CEO dienen wird).
PH Projekte sollen ja nach Auffassung der amtierenden PH-Mannschaft der eigenen Profilierung dienen, keinesfalls ungeile, wie immer auch wichtige oder sogar (wie ein Rousseau-Jahr) epochale Ideen aufgreifen und diese engagiert — warum nicht manchmal auch mühevoll? — im Diskurs mit gescheiten Künstler/innen entwickeln.

K+P ruft zu Text- oder Bildbeiträgen auf und wird demnächst hier Aktivitäten zum Rousseau-Jahr anzeigen.

Siehe auch die Veranstaltung im Theater Neumarkt am 23. Juni 2012 (Seite Aktuell)


Daniel de Roulet

Rousseau, Schuft oder Logo

Zürich 23. Juni 2012

"Ein künftiger Herrscher kann in seinen frühen Jahren kaum Vernunft und Sinn für Gerechtigkeit entwickeln, weil seine gesamte Erziehung zum Gegenteil beiträgt." (Vom Gesellschaftsvertrag, Drittes Buch, Kapitel sechs, Die Monarchie)

Denken wir etwa an den französischen König Ludwig XVI (den Sechzehnten), dem am Vorabend der Revolution nicht nur der Sinn für Gerechtigkeit abhanden gekommen war, sondern teilweise auch die Vernunft. Oder denken wir an den heutigen syrischen Machthaber Assad, einen zum "künftigen Herrscher" erzogenen Mann, der nie fähig sein wird, zu begreifen, welches Leid er der Zivilbevölkerung zufügt.

Als Rousseau sein Werk Du Contrat Social / Vom Gesellschaftsvertrag veröffentlichte, saß das Königtum noch fest im Sattel. Sein Ende zu verkünden, war eine Frage geistigen und körperlichen Mutes. Ich mag Rousseau, weil er ein Mann seiner Zeit war. Damit meine ich, dass er sich nicht in den Dienst der Geschichte gestellt, sondern sich auf sie eingelassen hat. Und da die Literatur die jüngste Tochter der Geschichte ist, würdigten jene, die ihn damals gelesen haben, sehr bald seine Verdienste. Die Straße in Genf, in der ich wohne, trifft auf die Rue Jean-Jacques Rousseau, die ihren Namen bereits 1793 erhielt, also nur wenige Jahre, nachdem Rousseaus Wünsche teilweise in Erfüllung gegangen waren.
Bis zum Beginn des Zwanzigsten Jahrhunderts war Rousseau für seine Leser, aber auch für die, die nur seinen Namen kannten, ohne ihn gelesen zu haben, der Mann, dessen Ideen dazu beigetragen hatten, all jene auszuschalten, die "kaum Vernunft und Sinn für Gerechtigkeit entwickelt hatten", weil sie sich allein aufgrund ihrer Geburt zur Herrschaft über andere berechtigt fühlten.

In diesem Sinne wurde im Jahr 1912 Rousseaus zweihundertster Geburtstag begangen. Ein wahrhaft rauschendes Fest! Im Quartier Latin tanzten die Leute die ganze Nacht auf den Straßen, in Zürich wie in Berlin wurde er gefeiert. In Sankt Petersburg rief man seinen Namen, in den Kirchen von London verlas man seine Pamphlete. In Genf wurde der Tag zum gesetzlichen Feiertag erklärt, seine Straße und die Brunnen der Stadt wurden festlich geschmückt. Man liebte Rousseau, denn ihn hatten die Menschen beim Sturm auf die Bastille im Herzen getragen. Man sang "Es lebe die Revolution", und die Blaskapellen seiner Heimatstadt stimmten die Marseillaise an, während sich auf einem fünfhundert Quadratmeter großen Podest seine riesige Büste erhob. Und ein Mitglied der Académie française verkündete, von Jubelrufen begleitet: "Rousseaus Erscheinen ist einer der wichtigsten Augenblicke in der Menschheitsgeschichte."

Dann gab es da noch die Zeremonie im Panthéon: zwölfhundert Musiker, ein beschimpfter Staatspräsident, eine überforderte Polizei, verängstigte Abgeordnete. Einerseits die Artilleriesalven, das Glockengeläut und die große Leidenschaft des Volkes für den Jubilar. Andererseits jedoch der Hass seiner Feinde, die ihm noch immer die mörderischen Sätze verübelten, mit denen er all jene attackiert hatte, die das Gemeingut für sich beanspruchen und die Oligarchen unterstützen.

Alles hatte Ende April 1912 in der Pariser Banlieue begonnen. Dort war es der Polizei endlich gelungen, die Bonnot-Bande einzukesseln, eine gefährliche Anarchistenbande, vor der die Banken zitterten. Nach einer Menschenjagd, an der sich ganz Europa beteiligt hatte, war man schließlich auf Bonnots gelbes Auto gestoßen. Der Anarchist hatte sich mit seinen Leuten in einem Haus am Stadtrand verschanzt. Die Polizei bezog Stellung, und die Zeitung Le Figaro lud ihre Leser ein, die letzte Jagdetappe, bei der in aller Öffentlichkeit Recht gesprochen werden sollte, vor Ort zu verfolgen. Scharen fanden sich ein, herbeigereist in Sonderzügen, die man eiligst in der Hauptstadt eingesetzt hatte, damit Bonnot und seine Bande vor den Augen der Menschenmenge hingerichtet werden konnten.

So drängten sich hinter den Polizeikordons Zehntausende Neugieriger, um die Stürmung des Hauses leibhaftig mitzuerleben. In der aufgeregten Menge beschimpften die einen Bonnot als Lump, die anderen behaupteten, mit seinen Angriffen auf die Banken und die Reichen habe er nichts anderes getan, als Jean-Jacques' Ideen umzusetzen. Und da letzterer die Steinigung in Môtiers verdient habe, verdiene auch Bonnot seine Vernichtung.

Das Haus wurde schließlich mit Dynamit gesprengt. In den Trümmern fand man den sterbenden Bonnot, in der Hand zwanzig frisch beschriebene Seiten, auf denen er erklärte, warum man die Reichen enteignen müsse.

Zwei Monate später, als im großen Hörsaal der Sorbonne die Feierlichkeiten zu Ehren von Jean-Jacques stattfanden, sorgten die sogenannten "Camelots du roi", eine rechtsextreme Gruppierung, für Turbulenzen. Sie mischten sich unters Publikum, dann erhob sich einer nach dem anderen und rief: "Rousseau ist der Vorfahre von Bonnot!" Kaum war der erste Störenfried fortgeschafft, stand der nächste auf, gestikulierte und schimpfte: "Rousseau ist ein Schuft!" Auch ihn entfernte man aus dem Saal. So störten über dreißig Camelots du roi mit ihren Zwischenrufen die Zeremonie. Zweihundert Jahre nach der Geburt des Genfers hatten sie ihm noch immer nicht verziehen, dass er ihre Könige verjagt und die Privilegien angeprangert hatte.

Da sie wild entschlossen waren, ihn aus dem Panthéon zu vertreiben, musste die Obrigkeit eingreifen und zu seiner Verteidigung Polizeitrupps ins Quartier Latin schicken. Mehr noch: Staatspräsident Fallières persönlich wurde von den Camelots du roi verjagt und der Innenminister belästigt. Doch obwohl noch einige Schlägereien stattfanden, in Montpellier und anderen Städten, wo die Camelots du roi Jean-Jacques als "miesen Ausländer", "niederen Lakai" und abermals als "Schuft/salaud" beschimpften, gewann schließlich die Begeisterung des Volkes die Oberhand.

Damals kam niemand auf die Idee, Rousseau in erster Linie als Schriftsteller zu betrachten, als einen zwischen den Seiten seiner Werke einbalsamierten Gelehrten, niemand bezeichnete ihn als Überbringer, als Spaziergänger, als sanften Träumer, niemand zweifelte an seiner ungeheuren revolutionären Energie.

Heute, hundert Jahre später, führen wir alle Rousseaus Worte im Mund. Aber wie steht es um die Demokratie, von der er geträumt hat? Dazu will ich nur ein Beispiel anführen. Wie wird heutzutage in Rousseaus Geburtskanton ein Regierungsrat gewählt? Erst einmal entzieht man der Hälfte der in Genf arbeitenden Bevölkerung das Wahlrecht: den Grenzgängern, die aus Frankreich kommen und jeden Abend in ihre Schlafstädte zurückgeschickt werden, außerdem denjenigen, die zwar in Genf arbeiten, aber nur in den Nachbarkantonen eine Bleibe gefunden haben. Und natürlich allen Ausländern, die in Genf wohnen, aber keine Bürgerrechte besitzen. So kommt man auf 232.000 Erwerbstätige, von denen 92.000 Ausländer und 25.000 Schweizer Pendler sind, die nicht im Kanton selbst wohnen - was eine Gesamtzahl von 117.000 ergibt. Von den 232.000 Genfer Erwerbstätigen haben also 117.000 kein Wahlrecht. Angenommen, die Erwerbstätigen verhalten sich wie die in Genf Wohnhaften, dann bleiben nur noch 49,5 % Wahlberechtigte übrig. Die aber interessieren sich aus allen möglichen Gründen nur mäßig für die städtischen Belange; bei den Wahlen im Jahr 2009 haben jedenfalls nur 47 % von ihnen gewählt. Zur Wahl der Kantonsexekutive gehen folglich nur 23 % der Erwerbstätigen. Zudem braucht man im Proporzwahlsystem im Durchschnitt lediglich 40 % der Stimmen, um gewählt zu werden. Ich stelle also fest, dass ein Regierungsrat sein Amt durch den Willen von ganzen 9,3 % dessen, was Rousseau "das Volk" nannte, innehat. 

Nehmen wir mal an, eine große Firma entlässt auf einen Schlag ihre gesamte Belegschaft. Glaubt jemand ernsthaft, besagter Regierungsrat würde sich betroffen fühlen? Schließlich haben diese Angestellten ihn gar nicht gewählt, sondern, vielleicht, höchstens jeder zehnte Angestellte bei Serono. Das ist alles, was heute von Rousseaus Prinzipien übrig geblieben ist.

 Und jetzt feiern wir seinen dreihundertsten Geburtstag. Die Empörten werden aus unseren Parks vertrieben, den Spaziergängern wird der Zugang zum See versperrt, das Haus, in dem Rousseau aufgewachsen ist, hat man durch ein Kaufhaus ersetzt, das sich in gesetzeswidriger Weise ausdehnt. Einmal mehr will man die Tore von Genf schließen. Und wir erleben, wie sich die Nachkommen der Camelots du roi mit jenen, die in unseren Mauern die Revolution betrieben haben, verbünden, um Jean-Jacques Worte über ihre geliebte nationale Identität in den Mund zu legen, die er niemals gesagt hat. Die Populisten sponsern ihn auf der Sankt Peters-Insel; dieselben, die ihn einst als Schuft bezeichneten, haben ihn zum Logo gemacht.

Ein paar Spielverderber wie wir aber wissen: Er wollte die Welt verändern, nicht alles hat geklappt. Schon möglich, dass Bonnot ihn falsch verstanden hat, aber wir müssen die Arbeit zuende führen, die Oligarchen vertreiben und uns wieder den Gesellschaftsvertrag vornehmen. Dort habe ich diesen schönen Satz gelesen:

"Sobald der Dienst am Staat die Bürger nur noch mäßig interessiert und diese dem Staat lieber mit der Geldbörse als als mit ihrer Person dienen, ist der Staat seinem Untergang schon nahe." (Vom Gesellschaftsvertrag, Drittes Buch, Kapitel fünfzehn, Die Abgeordneten oder Vertreter.)

In diesem schlichten Satz kündigt Rousseau bereits das Übel an, das an unserer heutigen Demokratie zehrt: nämlich dass die Bürger "dem Staat lieber mit der Geldbörse dienen". Das bedeutet, wir haben formell eine Demokratie errichtet, die wir parlamentarisch, also politisch, nennen. Gleichwohl wissen wir: Sobald man nicht mehr im Parlament ist, sondern in einem Verwaltungsrat, gilt nicht mehr "ein Mann, eine Stimme", sondern "eine Aktie, eine Stimme". Die wichtigste Frage ist daher heute folgende: Wie erfindet man eine ökonomische Demokratie? Wie schafft man es, dass der "Dienst am Staat", wie Rousseau ihn nannte, nicht mehr nur ein Dienst an den Aktionären ist?

Zum Schluss eine gute Nachricht an Jean-Jacques: 99 % von uns bieten ihnen Paroli, haben sich in ihre Netzwerke infiltriert und wünschen ihm, Jean-Jacques, von Herzen einen fröhlichen, turbulenten Geburtstag, wie er ihn verdient.
 




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