Essays, Texte, Zitate


Jagoda Marinić

Rassismus sichtbar machen

Ein Plädoyer.
Toleranz. Vielleicht ist ein anderes Wort noch viel besser: Respekt. Integration basiert auf dem Respekt der Alt- und der Neubürger voreinander und füreinander. Der Respekt der Alt- für die Neubürger darf noch sehr wachsen. Dafür wirbt Jagoda Marinić.

Mit einem Vorwort von Heribert Prantl.

Dieser Text kann als E-Book (PDF, 800 kB) gekauft werden. 




Martin R. Dean

Ein Bild der Schweiz, das alle einschliesst

«Swissness»

Die wiederbelebte Folklore boomt, auch in der Kultur. Haben die Kulturschaffenden es verpasst, einem falschen Selbstbild ein positiveres entgegenzuhalten, fragt der Autor Martin R. Dean.

Kaum ist die Aufregung über das Ergebnis der Minarett-Initiative verebbt, kommt mit dem Burkaverbot die nächs­te fragwürdige Initiative bezüglich des Islam, ohne dass eine Auseinandersetzung über den Kanon des Eigenen stattgefunden hätte. Wie viel Fremdes im Eigenen Platz hat, hängt jedoch vom Selbstbild von uns SchweizerInnen ab. Das Unbehagen, dass die Globalisierung das Eigene auslöscht, hat nicht nur breite Teile der Bevölkerung, sondern auch viele Kulturschaffende ergriffen.

Die mächtige Nostalgie, die die Wunden der Globalisierung mit der Wiederbelebung von Heimat als Folklore heilen will, ist aber keine Antwort. Der Rückgriff auf Trachtentum und Bauerngeist, von dem sich viele eine Verschnaufpause von der Entfremdung erhoffen, reanimiert eine reaktionäre Bildersprache, die ein neues Schweizbild eher verstellt als eröffnet. Grundsätzlich geht es weltweit darum, wie das Eigene im Prozess der Globalisierung zu bewahren ist. Wie beispielsweise unsere Traditionen belebbar sind, ohne dass sie dem Kitsch der Selbstfolklorisierung verfallen. Heimat wird zum Unort, wenn sie gegen die Globalisierung ins Feld geführt wird.

Heimatmarketing

Warum muss beispielsweise der Reisende am grössten Schweizer Flughafen Zürich von Glockenklang und Muhen begrüsst werden? Eine Antwort darauf haben die WerberInnen, die mit ihrer stereotypen Sprache die Schweiz auf einen Heimatreflex schrumpfen lassen, der in Schanghai wie in Seattle die nötige Kauflust erzeugt. Prägt dieses museale Heimatbild nicht auch unser Selbstverständnis?

Seit längerem wird das Heimatmarketing von einer Partei unterstützt, die die Refolklorisierung des schweizerischen Selbstverständnisses wie keine andere bedient. Trachten- und Jodlervereine erleben eine Wiedergeburt, denn Alphornklänge bedeuten «Heimat», mittlerweile auch für viele Kulturschaffende, die die alten Bräuche ihres rechtskonservativen Images befreit wähnen. Bilder, Stimmungen, Atmosphärisches bestimmen unsere kollektiven Vorstellungen. Auch Medienbilder: Zwischen dem latent fremdenfeindlichen Bodensatz einer Gotthelfschweiz und dem Beliebigkeitsbetrieb gesichtsloser internationaler Castingshows scheint es im Schweizer Fernsehen DRS zurzeit nichts Drittes zu geben.

Zirka dreissig Prozent der inländischen Bevölkerung sind Ausländer­Innen oder SchweizerInnen mit ausländischen Wurzeln. Sie sind von einem Schweizbild betroffen, in dem sie nicht vorkommen – oder nur als Schreckensmeldung. Die Nachkommen der Eingewanderten sind vom helvetischen Blick in den Spiegel betroffen, selbst wenn sie nicht gemeint sind. Sie leben seit Generationen in einem Land, das sich kein Bild von ihnen macht. Und das doch seine Identität in der Abgrenzung zu ihnen sucht. Gibt es eine atmosphärische Politik, die sich auf diese dreissig Prozent der Bevölkerung einliesse? Bilden diese MitbewohnerInnen nicht auch im schweizerischen Kulturschaffen, dem Theater, dem Film und der Literatur, eine unsichtbare Menge? Wo werden ihre Biografien, ihre Lebensbedingungen und ihre Räume verhandelt? Haben wir Kulturschaffenden es verpasst, einem vergifteten Klima ein anderes, günstigeres entgegenzuhalten?

«Bei der Minarett-Initiative ging es um Integration», schreibt die «Basler Zeitung» vom 16. Februar 2010. Drei Viertel der zum Abstimmungsverhalten Befragten befinden, AusländerInnen müssten sich besser anpassen. Integration, die früher Assimilation hiess, ist eine Leerformel, die gegenwärtig von der Forderung nach immer grösserer Anpassungsleistung der Eingewanderten dominiert wird. Über die Sprachkompetenz und die Befolgung der eidgenössischen Gesetze hin­aus aber bleibt vage und weithin beliebig, woraus Integration besteht.

Zulassung als Abwehr

1968, zur Zeit der Über­fremdungs­initiativen, verfasste Marc Virot, damaliger Präsident der Vereinigung kantonaler Fremdenpolizeichefs der Schweiz, ein Büchlein mit dem Titel «Vom Anderssein zur Assimilation». Virot beschreibt darin, welche Eigenschaften und Haltungen von Eingewanderten schweizkonform sind und also für die Einbürgerung prädestinieren. Zu den assimilationsbejahenden Umständen gehört es zum Beispiel, Schweizer Radiosender zu hören, Schweizer Zeitungen zu lesen und nicht ausschliesslich Olivenöl zum Kochen zu benutzen. Ein Assimilisationswille muss grundsätzlich verneint werden, so Virot, wenn sich jemand nur heimatliche Filme anschaut, wenn er innerhalb der Familie nur seine Muttersprache benutzt, einen unseriösen Lebenswandel führt oder wünscht, in der Heimat begraben zu werden.

Im eidgenössischen Ausländergesetz steht an der Stelle, wo von «Einwanderung» die Rede sein müsste, das Wort «Zulassung». Diese Vokabel ist kein Willkommensgruss, zugelassen wird, wer nicht mit letzter Kraft abgewehrt werden kann.

Chianti oder Cola

«Sie» (die Fremden), schrieb Max Frisch 1965, «müssen sich schon tadellos verhalten, besser als Touristen, sonst verzichtet das Gastland auf seine Konjunktur.»

Ein Ausländer sollte also lernen, im Tram aufzuschliessen, den Kehrrichtsack zur rechten Zeit am rechten Ort abzustellen, keine Wäsche ins Fenster zu hängen, keinem Arbeitskollegen ohne fremdenpolizeiliche Bewilligung die Haare zu schneiden, Busbillette nicht auf den Boden zu werfen. «Ja», schreibt Virot, «er ist in dieser Beziehung erst assimiliert, wenn er wie wir das Gefühl hat, ein Wahrer der öffentlichen Ordnung zu sein, der das Recht hat, den anderen auf sein vorschriftswidriges Verhalten aufmerksam zu machen, und manchmal strenger als die Polizei.» «Wir dürfen nicht verlangen, ein Ausländer soll statt Chianti oder Rioja wie wir französischen Wein oder Coca Cola trinken. Wenn er aber Vogelfallen aufstellt, so bleibt er ein Fremder.»

Vogelfallen? – Wären wir, tierschützend und ökologiebewusst, nicht auch heute noch dagegen? Wogegen sind wir, wogegen nicht und mit welcher Begründung? Wo greift ein Gesetz ins Private ein? Einiges von dieser virotschen Neutralisierungswut schwingt noch heute in der Integrationsdebatte mit.

Swissness – fragwürdig

Einen bemerkenswerten Beitrag zum Selbstbild der letzten Jahre liefert der Begriff «Swissness», mit dem ein unverkrampfteres Verhältnis zu den Schweizer Symbolen angestrebt wird. Ein Label, das bewusst mit schweizerischen Eigenheiten wie Präzision, Zuverlässigkeit und Sauberkeit arbeitet. Swissness entwirft Selbstbilder aber nicht nur im Exporthandel, sondern auch im Alltag. Die Migros forciert die Eigenmarke «Heidi», das Modelabel «Alprausch» vermischt eidgenössisches Kolorit mit dem James-Bond-Stil der Sechziger. Die nationalen Symbole schwindeln eine Heileweltschweiz vor, die alles Widersprüchliche einebnet. Swissness steht plötzlich auch für eine weltoffene und weltläufige Schweiz. Für den Historiker Jakob Tanner ist «Swissness» der Gegenbegriff zum politischen Schlagwort vom «Sonderfall Schweiz», der von Bedrohungskomplex und Überfremdungs­angst geprägt sei.

Steckt in der Swissness der Ansatz zu einer neuen Selbstbeschreibung? Ist mit diesem leichtfüssigen Patriotismus, gemäss dem Soziologen Kurt Imhof, die Unvereinbarkeit von Fremdenabwehr und Selbstbestimmung tatsächlich aufgelöst? «Ein Verweis auf Swissness ermöglicht es, Assoziationen von heiler Welt, Spitzenleistung und Weltläufigkeit zu wecken», ist dazu in einer St. Galler Studie aus dem Jahr 2004 zu lesen.

Ein Blick in die Realpolitik, in der die Grenzen zusehends enger gezogen werden, macht auf einen anderen Aspekt aufmerksam: Swissness lässt sich auch als Teil einer breit laufenden Renationalisierung unseres Lebensgefühls deuten.

Gegen die vom Bund verabschiedete Swissness-Vorlage gingen zumindest die WurstverkäuferInnen wie die Föderation der Schweizerischen ­Nahrungsmittel-Industrien (Fial) auf Distanz, denn ihre Produkte, sollen sie als «schweizerisch» gelten, müssen zwingend einen achtzigprozentigen Anteil schweizerischen Rohmaterials aufweisen. Die Fial fordert dagegen einen sechzigprozentigen Anteil, und der Fleischverband kritisiert die «diskriminierenden Regeln» des neuen Markenschutzgesetzes. Wie viel Prozent Schweizerisches muss ein Produkt haben, um schweizerisch zu sein? (In Hinblick auf die bevorstehende Grillzeit gibt der Fleischverband Entwarnung bei den Cervelats; es sind genügend Rinderdärme aus Uruguay und Paraguay vorhanden.)

Swissness präludiert leider kein neues Schweizbild, sondern verkauft nur neue Inhalte mit einer alten, belas­teten Sprache. Die Frage bleibt: Wie ist das Eigene vor der Folklorisierung und der Globalisierung zu retten?

Realität eines Einwanderungslands

Voraussetzung dafür wäre ein Selbstbild, das nicht von der Utopie einer konfliktfreien Multikultigesellschaft ausgeht, sondern von der Realität eines Einwanderungslandes, das Arbeitskräfte benötigt. Als Kulturschaffende entwerfen wir Bilder der Schweiz, die nicht nur Teil eines kollektiven Unbewussten, sondern auch Teil eines Selbstverständnisses sind. Als Kulturschaffende prägen wir die Atmosphäre und stiften ein Klima. Unser Schweizbild wird sich daran messen lassen müssen, ob darin alle, auch die Unsichtbaren, Platz haben.

 


Martin R. Dean

Der Autor und Gymnasiallehrer Martin R. Dean kam 1955 als Sohn einer Schweizerin und eines karibischen Vaters aus Trinidad zur Welt. Er wuchs im Aargau auf und lebt heute mit seiner Frau und seiner Tochter in Basel, wo er unter anderem als Schriftsteller, Journalist und Essayist tätig ist. Sein 2003 erschienener Roman «Meine Väter» wurde mit dem Schillerpreis ausgezeichnet.

Der abgedruckte Text ist eine Rede, die Dean am 29. Mai bei der Solothurner Landhausversammlung vortrug. Über 200 Personen waren im Landhaus anwesend, um mit der Solothurner Erklärung die Grundpfeiler der direkten Demokratie und die Grund- und Menschenrechte zu stärken. Der Text erschien am 10. Juni 2010 in der WoZ.


 




Dan Wiener

Die Regel des schwarzen Schafs

Sie kennen die inzwischen weltberühmte Plakatkampagne einer Schweizerischen Volks-Partei mit dem schwarzen Schaf? Sie können darüber denken, wie Sie wollen. Ich plädiere jedenfalls mit Vehemenz dafür, dass man schwarze Schafe nicht ausschliesst oder ausstösst. Nicht aus Nächstenliebe, aus purem Eigennutz!

Warum? Es gilt die alte Regel des schwarzen Schafs: In jeder Familie gibt es eines, in jeder Schulklasse, in jedem Quartier und in jedem Land: Das schwarze Schaf ist das, worauf man mit dem Finger zeigen kann und sagen, dass das schwarze Schaf eben das Schaf sei, das schwarz ist, und damit schlecht. Aber was fast noch wichtiger ist, ist der Beweis, der mit diesem schwarzen Schaf verbunden ist: Wenn wir nämlich wissen, dass das schwarze Schaf schlecht ist, wenn wir darauf zeigen können und sagen, dass dieses Schaf schwarz und schlecht ist, dann ist damit automatisch bewiesen, dass wir Andern alle weisse Schafe sind, und darum gut.

Aber wie ist das, wenn das schwarze Schaf weg ist? Vertrieben oder rausgeekelt? Weg? Ganz einfach: Dann muss ­ gemäss der Regel des schwarzen Schafs ­ unter den weissen Schafen sofort ein neues schwarzes Schaf gefunden werden. Und wenn das weg ist, muss es sofort wieder ein Neues geben, und dann wieder, und dann noch Eins. Solange die weissen Schafe in der Mehrheit bleiben, funktioniert das wunderbar. Wichtig ist einfach aufzupassen, dass es stets die Anderen trifft, nicht wahr?

Deshalb: Behalten wir das schwarze Schaf, so lange es noch da ist. Wir hegen und pflegen es. Denn wer weiss, wen es sonst als nächstes trifft?

 

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Xenia Rivkin   |   14. November 2010

Wunderbarer Text Dan, Vielen Dank! Liebe Grüsse Xenia Rivkin





Dan Wiener

Migrationshintergrund

Heit dr das o ghört mit de Ussländer? Das isch scho es gewaltigs Problem! Wobii halt: Ussländer darf me ja nümme säge. Me mues jetz „Mönsch mit Migrationshintergrund“ säge.

Dä politisch korräkt Schnällschuss isch aber wider e Mal voll hinde use gange. Voll hinde use. De hets nämlech anderi schlaui Chöpf gäh, wo jetz ou vo Schwizer mit Migrationshintergrund rede. De chasch de mit em roote Pass vore umefuchtle wie de wosch, dä Migrationshindergrund überschattet alls. De chasch di no so beschwyzerchrüzige, es nützt aus nüüt. Dä Migrationshindergrund isch geng grösser. A däm Migrationshintergrund schleppsch dis ganze Läbe u d’Ching grad o.

Da het mi chürzlech eine gfragt, öb i eigetlech e rächte Schwyzer sigi.

I hanem gseit, das mi das linggs-rächts-Schema nid interessieri.

Är het gseit, är meini das nid eso, öb i richtige Schwyzer sigi, heig er wölle wüsse.

Öbs de ou faltschi Schwyzer gäbi, hani ne gfragt.

Nei, het er gseit, är meinis ja nid e so – und er het sini erschti Fraag scho bereut, aber jetz hett er nümm chönne zruggchräbse, auso het er gseit, i gsochi haut nit us wiene Schwyzer, öb i de würklech e Schwyzer sigi.

I ha nid wölle über würklech und unwürklech philosophiere u ha gfragt, wie-n-er das meini.

U är het gseit, ja e sone 100%ige Schwyzer sigi sicher nid.

Aha, hani gseit dir meinet so voll düre, 100%, reinrassig u Bluet u Bode u so?

Un är het sini Fraag no meh beröit u hätt das Gschpräch lieber abbroche, aber jitz ha-n-i, eklige Siech, nümme lugg glah:

Das heisst beidi Eltere u alli vier Grosseltere u alli 8 Urgrosseltere u alli 16 Ururgrosseltere u alli 32 Urururgroseltere und so witer? Also nei, hani gseit, dr erscht Schwyzer sig gloub us Öschtrych igwanderet u dr ersch Europäer us Afrika, u dr ersch Mönsch stammi schiints vo de Affe ab.

Und i gloube es git geng no es paar vo däne, sogar i dr Schwyz.

Dan Wiener 2009

Migrationshintergrund

Haben Sie das auch gehört, mit diesen Ausländern? Das ist ein echtes Problem! Wobei: Ausländer dürfe man nicht mehr sagen, habe ich gehört. Man solle jetzt: Person mit Migrationshintergrund sagen.

Dieser politisch korrekte Schnellschuss hat sich aber schnell zum Fehlschuss gewandelt, denn es gibt Schlauköpfe, die jetzt auch von Schweizern mit Migrationshintergrund sprechen.

Da kannst Du mit Deinem roten Pass herumwedeln wie Du willst, da kannst Du Dich noch so viel beschweizerkreuzigen, es nützt Dir alles nichts. Der Migrationshintergrund überschattet alles. An dem kannst Du Dich ein Leben lang kaputt schleppen und die Kinder grad mit.

Kürzlich hat mich einer gefragt, ob ich eigentlich ein rechter Schweizer sei. Ich habe ihm geantwortet, dass mich dieses links-rechts-Schema nicht so interessiere. Er sagte, er hätte es anders gemeint, ob ich ein richtiger Schweizer sei, wollte er wissen. Ich hab ihn gefragt, ob es denn auch falsche Schweizer gebe.

Nein, sagte er, er hätte es nochmals anders gemeint – und er bereute schon seine erste Frage, aber jetzt konnte er nicht mehr zurückkrebsen. Also sagte er, ich sähe eben nicht so aus wie ein Schweizer und ob ich nun wirklich ein Schweizer sei.

Ich wollte nicht anfangen über „wirklich“ und „unwirklich“ zu philosophieren und fragte ihn einfach, wie er das meine.

Ja so ein 100%-iger Schweizer sei ich doch bestimmt nicht, meinte er.

Aha, sagte ich, Sie meinen wahrscheinlich voll und ganz, 100%, reinrassig und Blut und Boden und so? Und er bereute seine erste Frage noch mehr und hätte das Gespräch am Liebsten abgebrochen, aber jetzt habe ich nicht mehr locker gelassen:

Sie meinen also beide Eltern und alle 4 Grosseltern und alle 8 Urgrosseltern und alle 16 Ururgrosseltern und alle 32 Urururgrosseltern und so weiter? Nein, gab ich zu, der erste Schweizer sei scheint’s aus Österreich eingewandert und der erste Europäer aus Afrika und der erste Mensch stamme vom Affen ab, sagt man. Und ich glaube, es gibt noch ein paar von denen, sogar in der Schweiz.

Dan Wiener 2009

 




Ulrike Ulrich

Bitte entfernen Sie dieses Plakat!

Vor meinem Haus hängt jetzt so ein Plakat. Es sieht aus, als ob es dazu gehörte. Zu meinem Haus. Es klebt an der Hecke. Ich finde, man sollte Hecken schützen, vor solchen Plakaten. Passanten. Und die Kinder im Garten. Mein Haus ist natürlich gelogen. Ich darf nur drin wohnen. Eine deutsche Schriftstellerin in der Stadt, die so durchschnittlich schweizerisch sein soll, dass mich ständig Marktforscher anrufen. Eine Schweizer Autorin. Weil ich seit acht Jahren in der Schweiz lebe und schreibe. In manchen Buchhandlungen stehe ich unter Schweizer Autoren. In anderen nicht. Sollte ich einen Preis gewinnen, da bin ich mir sicher, werde ich eine Schweizer Autorin sein. Aber das ist nicht wichtig. Wichtig ist, dass ich nicht hinter diesem Plakat leben will. Und wenn ich es nicht wegschreiben kann, bliebe mir dann nur übermalen? Vielleicht ist das schon ein ausschaffungsrelevantes Delikt. Vor meinem Haus hängt ein „Ivan S.-Plakat“. Ivan S., Vergewaltiger. Bald Schweizer? Es gibt auch ein „Ismir K., Sozialbetrüger-Plakat“. Und eines mit „Detlef S., Kinderschänder“. Die hat alle „Alexander S., Werber ohne Werte“ entworfen. Ein Landsmann von mir. Ein Werber, der weiss, wie man Massen mobilisiert. Mit Angst. Der Symbole besetzt. Das kann jeder, der skrupellos ist. Der sich nicht scheut, eine Bildsprache zu verwenden, die schon in den 30er Jahren in Deutschland funktioniert hat. Ich will nicht hinter einem Plakat leben, das gegen den Artikel 2 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte verstösst. Das diskriminierend ist und hetzerisch. Ich will nicht hinter einem Plakat leben, das zu einer Drei-Klassen-Justiz aufruft. Das ein Problem konstruiert, um Stimmung zu machen. Ich will hinter so einem Plakat nicht leben. Bitte entfernen Sie dieses Plakat!

Ulrike Ulrich, Schriftstellerin und aktuelle Stipendiatin der Lydia-Eymann-Stiftung 




Peter Bichsel

«Blocher will die ganze Schweiz»

Lange hat Peter Bichsel (75) geschwiegen – jetzt spricht der grösste lebende Dichter der Schweiz Klartext: Bei der Ausschaffungsinitiative gehe es nicht primär um die Ausländer, es gehe um den Sieg der SVP. Denn die Blocher-Partei wolle die absolute Mehrheit in der Schweiz. Interview: Marie-Josée Kuhn

work: Politikerinnen und Politiker, die sich für ein Nein zur Ausschaffungsinitiative einsetzen, erhalten anonyme Postsendungen mit Kot. Und Ex-Bundesgerichtspräsident Giusep Nay hat erstmals in seinem Leben Todesdrohungen erhalten. Peter Bichsel, was ist los in der Schweiz?

Peter Bichsel: Die SVP funktioniert Abstimmungen zu Wahlen um. Bei ihren Initiativen geht es nicht primär um den Inhalt der Initiativen, sondern um die Wahl der SVP. Die Abstimmung selbst ist die Wahl. Und der SVP ist jedes Mittel recht, diese Wahl zu gewinnen. Denn die Blocher-Partei will den Erfolg. Sie will die absolute Mehrheit in der Schweiz. Und was dann geschehen würde, können wir erahnen. Das macht mir wirklich Angst. Ich fürchte, die SVP ist dabei, unsere Demokratie auszuhebeln. Und ich habe den Eindruck, dass das auch ihr Ziel sei.

Was würde denn geschehen, wenn die SVP die absolute Mehrheit hätte?

Sehr viel. Wir gehen alle davon aus, dass Menschen in aller Welt an der Demokratie interessiert sind. Doch die Demokratie ist nicht selbstverständlich. Sie wird benützt, auch zu undemokratischen Zwecken. Bis jetzt ist das in der Schweiz nicht passiert, weil sich alle politischen Kräfte Mühe gegeben haben mit der Demokratie. Aber nun hat sich das geändert. Die SVP nützt die Demokratie aus, um sie zu relativieren, d.h. sie auf Abstimmungen zu reduzieren. Wir haben kein Grundgesetz, wir haben keine Grundrechte, die verbürgt sind wie in jeder anderen liberalen Verfassung. Es steht also alles zur Verfügung. So wie es SVP-Präsident Toni Brunner sagt: Demokratie sei, wenn man über alles abstimmen könne. Demokratie ist aber mehr als nur: «Wir stimmen ab.»

Laut Umfragen wollen 58 Prozent der Stimmberechtigten Ja stimmen bei der SVP-Ausschaffungsinitiative. Die wollen doch bestimmt nicht die Demokratie aushebeln, oder?

Der Hauptgrund für das Ja dieser Leute dürfte in der folgenden Überzeugung liegen: Es gibt nichts Besseres als diese Schweiz! Und das in der Vorstellung einer zweigeteilten Welt. Es steht auch so in unseren Zeitungen: Inland und Ausland. Die Hälfte der Welt ist Inland. Und die andere Hälfte ist Ausland. In Deutschland zum Beispiel, da weiss man gar nicht, was Inland ist. Inland ist ein absolut schweizerischer Begriff. Diese Vorstellung Inland, Ausland, hat sich in den Köpfen der Schweizerinnen und Schweizer festgekrallt. Und: Wir sind nicht nur die Besten, wir sind auch die Stärksten.

Und deshalb müssen wir alles Fremde abwehren? Woher kommt denn diese Überhöhung der Schweiz? Ich meine, die Schweiz ist klein, hat keine Rohstoffe und auch kein Meer…

Auch ich bin in der Schule zum Patrioten gemacht worden. Übrigens von einem wunderbaren Lehrer, dem ich viel zu verdanken habe. Alle Flüsse der Welt kommen aus der Schweiz und auch die beste Schokolade. Die schönsten Berge sind in der Schweiz usw. Ich sag es immer wieder: Patriotismus ist etwas Verbrecherisches. Und wenn ich das irgendwo sage, sagt der andere: Du meinst wohl Nationalismus. Ich kann da beim besten Willen keinen Unterschied sehen. Offensichtlich ist Patriotismus, wenn ein Schweizer völlig überzeugt ist von der Schweiz. Ist ein Deutscher völlig überzeugt von Deutschland, dann ist es Nationalismus. Nationalismus ist also der Patriotismus der anderen. Das wäre der einzige Unterschied. Patriotismus ist eine Religion. Und Völkerkriege sind immer Religionskriege. Man erklärt das Vaterland zur Religion und zieht im Namen Gottes in den Krieg. Man kann die Cervelat und die Berge und die Schokolade gernhaben, auch ohne ein Patriot zu sein. Ich lebe gern in der Schweiz. Ich rede gern Mundart. Ich bin ein grosser Schwinger-Fan. Ich würde nur anderswo leben, wenn man mich dazu zwänge. Doch ich bin deshalb noch lange kein Patriot.

Wann wird die Liebe zur Schweiz zum heiligen Krieg?

Wenn sie Propaganda wird. Auch ich freue mich, wenn unsere Nati gewinnt. Doch die Gefühle der Leute, ihr Stolz, ihre Freude können ausgenützt werden. Propagandistisch ausgenützt werden. Da wird es brutal: Die SVP nützt die Gefühle der Leute kalt und zynisch aus. Stichwort Ausländerhetze: Ein ganzes Volk wird da verhetzt. Die Angst vor dem Fremden sitzt tief in uns allen drin. In unseren Herzen wohnt ein kleiner Faschist. Den müssen wir mit unseren Köpfen bekämpfen. Die Anhänger der SVP, die sind nicht so ganz anders als ich. Es sind Menschen. Das ist nicht das Problem. Das Problem ist, was man mit diesen Menschen macht. In einer echten Demokratie machen es die Menschen, in einer Scheindemokratie – man nannte das mal Volksdemokratie – macht man es mit den Menschen. Ich habe den starken Verdacht, dass es auch bei dieser Ausschaffungsinitiative um etwas ganz anderes geht als um die Ausschaffung der Ausländer. Es geht um Macht. Dieses Den-Leuten-auf-den-Mundschauen, ein Thema finden, mit dem man siegen kann. Es geht der SVP um den Sieg. Um Sieg und Niederlage…

…Niederlage der Linken?

Es geht um die Niederlage der Linken und der gutwilligen Liberalen, um die Niederlage der «Lieben und Netten». Und so wird es auch weitergehen: Die Rechte wird weiterhin Themen finden, mit denen sie siegen kann. Die Geschichtsvorstellung vom Rütli hilft ihr dabei. 1291 sei das ganze Volk zusammengestanden usw. Die Rütli-Legende stammt aus dem 15. Jahrhundert und ist eine schöne Legende. Doch der Staat, in dem wir leben, ist der Staat von 1848. Wir sind das einzige Land der Welt mit einer liberalen Verfassung, das die Väter seiner Verfassung nicht kennt. Und auch nicht feiert. Es gibt keine moderne Schweizer Geschichte. Denn seit 1848 ist nichts aus unserer Geschichte zu einem Mythos geworden. Ausser vielleicht Alfred Escher, der Zürcher Industrielle und Financier.

Alfred Escher und Christoph Blocher?

Ja, sie gleichen sich sehr. Worauf ich hinauswill: Diese Geschichtslosigkeit seit 1848, die rächt sich jetzt. Auch die Demokratie wurde uns ja aufgezwungen von Napoleon. Und die konservativen Schweizer freuten sich gar nicht darüber. Und das ist auch heute noch so. Man soll die Bedeutung von Geschichte nicht überbewerten. Aber Geschichtslosigkeit hat ihren Preis. Blocher glaubt an eine Schweiz von 1291. Er will das Vaterland retten. Das Vaterland ist auf dem Rütli. Das ist in Sempach. Und der grösste Feind des Vaterlands ist der Staat. Nicht nur der Sozialstaat. Ich hingegen glaube an die moderne Schweiz von 1848. Blocher ist im Vorteil, denn die Legende von 1291 kennen alle. Eine Legende von 1848 dagegen, die gibt es nicht.

Als Blocher würde ich jetzt sagen: Aber Herr Bichsel, die Schweiz hat ein riesiges Ausländerproblem, und Sie dozieren irgendwelches Intellektuellenzeug. Typisch SP, sie will die Überfremdung der Schweiz einfach nicht wahrhaben!

Ich habe noch jene Zeiten erlebt, da es nur eine Sorte Ausländer gab in der Schweiz. Das waren die Italiener. Die sind damals noch mehr beschimpft worden als heute die Jugoslawen. Die Linke in Solothurn machte damals ein Ausländerfest. Wir luden die Italiener ein und feierten mit ihnen zusammen. Die Leute in der Stadt fanden das grauenhaft. Sie beschimpften uns und die «Sautschinggen». Dieses Fest gibt es heute noch, die Bürgerlichen haben es jetzt übernommen. Es heisst jetzt Freundschaftsfest. Da sitzen sie jetzt alle zusammen. Die Bürgerlichen und die integrierten Italiener, die selbstverständlich derselben Meinung sind wie die Bürgerlichen. Und irgendjemand, der einen anderen Augenschnitt hat als wir, verkauft Frühlingsrollen. Das war’s dann. Ausländerproblem… Die Schweiz hatte bereits ein Ausländerproblem, bevor sie Ausländer hatte. Nur zwei liberale Aargauer Gemeinden nahmen Schweizerinnen und Schweizer jüdischer Konfession auf. Damals waren sie die Ausländer, vor denen man sich fürchtete. Juden, Italiener, Spanier, Tamilen, Jugoslawen: Die Schweiz funktioniert offensichtlich nur dann, wenn sie Feinde hat. Feindbilder.

In Ihrem Buch «Des Schweizers Schweiz» haben Sie geschrieben: «Kein anderes Land fühlt sich so bedroht wie die Schweiz.» Warum, wenn wir doch die Besten und Stärksten sind, fühlen wir uns denn so bedroht?

Das sind eben die Nachwehen der Schweizer Kriegsgeschichte: Morgarten und Sempach und Grandson. Ein tapferes kleines Volk hat sich gewehrt gegen ganz Europa und hat überlebt. So der Geschichtsunterricht. Wir leben immer noch in dieser Kriegsgeschichte. Uns gibt es nur, wenn wir gefährdet sind. Die Schweiz will bedroht sein. Die SVP sagt uns: Die Ausländer sind gefährlich, sie sind kriminell, und sie wollen sich nicht integrieren. Mir ist kürzlich Folgendes passiert: Ich sitze in einem vollbesetzten Bus. Vor mir sitzt ein etwa 45jähriger Tamile. Kein hübscher Mann. Es kommt eine schwer gehbehinderte Dame herein, gebläutes, gepflegtes Haar. Der Tamile schnellt auf und bietet der Schweizerin seinen Sitz an. Sie schaut ihn mit hasserfülltem Blick an: Was fällt diesem Kerl ein, jetzt werden diese Ausländer noch freundlich! Gesagt hat sie es nicht. Aber sie hat es signalisiert. Sie hätte den erwürgen können für seine Freundlichkeit. Frage: Was hat dieser Tamile für eine Chance mit Integration? Was hat er für eine Chance, wenn er sich anständig benimmt? Die Frau empfand seine Anständigkeit als Aufdringlichkeit. Was soll er tun? Wenn er sitzen bleibt, heisst es, man hat keinen Platz mehr im Bus. Überall sitzen Ausländer! Wenn er aufsteht, ist er ein frecher Kerl, weil er sich anbiedert. Frage: Wer ist da nicht integrationsfähig? Sind die Ausländer nicht integrationsfähig? Oder sind wir es nicht? Und halten deshalb die Ausländer von der Integration ab?

Bei den Italienerinnen und Italienern hat die Integration aber doch geklappt? Wer steht nicht auf Pizza, Pasta, Espresso und Italianità?

Das ist so. Und das ist doch eine wunderbare Sache! Bei etlichen, die seit zwanzig Jahren mit uns leben und auch gar nicht mehr nach Italien zurückgehen wollen, hat diese Integration übrigens ohne grosse Deutschkenntnisse geklappt. Das Erlernen der ortsüblichen Sprache ist also nicht unbedingt Voraussetzung für eine Integration. Frage: Wenn sie dann Deutsch können, etwa die Schwarzen, mit wem können sie dann überhaupt Deutsch sprechen? Deutsch kann man nicht einfach in der Volkshochschule lernen. Man muss es auch praktizieren können. Aber Sie haben recht, die Geschichte der Italiener ist eine Geschichte beidseitiger Integration. Heute können wir uns schlicht nicht mehr vorstellen, wie die Italiener hier einst behandelt wurden. Wir haben es vergessen. Und die Italiener haben es auch vergessen. Deshalb hat die SVP heute viele italienischstämmige Wählerinnen und Wähler.

Was haben uns die Ausländer gebracht ausser einer besseren Küche?

Lassen wir sie mal alle weg, dann sehen wir, was bleibt. Ich glaube nicht, dass wir dieses Land betreiben könnten ohne Ausländerinnen und Ausländer.

Sie haben den Gotthard gebaut, sie pflegen uns im Spital…

…ja, auch das, klar. Aber ich will auf etwas ganz anderes hinaus: Nationalität als Qualität. Schweizer zu sein ist ein teures Gut. Ausländer müssen es sich kaufen. Ich hingegen komme auf die Welt – und schon bin ich Schweizer. Niemand hat mich vorher gefragt. Bin ich jetzt ein besserer Schweizer, weil sich meine Familie schon seit Hunderten Jahren in dieser Gegend rumtreibt? Bin ich ein besserer Schweizer, weil ich mich nicht fürs Schweizersein zu entscheiden hatte?

Der neue Slogan der SVP für die Nationalratswahlen heisst: Schweizer wählen SVP. Sie und ich sind also gar keine Schweizer…

Das meine ich, wenn ich sage, der SVP geht es um die Macht. Und wenn sie die 51 Prozent erzielt, dann sind wir keine Schweizer mehr. Das ist so. Die SVP beansprucht schon die Schweizer Fahne für sich. Jetzt will sie die ganze Schweiz. Das ist, was auf uns zukommt. Doch in der Schweiz denkt man, Faschismus kann überall passieren, nur nicht bei uns. Diese absolute Sicherheit, dass man in diesem Land machen kann, was man will, und es passiert nichts Schlimmes, weil wir ja auch im Zweiten Weltkrieg verschont wurden, das ist schon beeindruckend. Genau dieselben Leute, die klagen, die Städte seien so unsicher geworden wegen der Schwarzen, genau dieselben Leute fühlen sich total sicher. Sie sind überzeugt, dass der Schweiz nichts passieren kann. Und vor allem dann nicht, wenn in Zürich so ein starker König Blocher aufpasst, dass nichts passiert. In 150 Jahren ist es nicht gelungen, aus den Schweizern Demokraten zu machen. Wir sind eine Demokratie ohne Demokraten mit dem Wunsch nach einem König, der dann allein die Demokratie machen soll.

Auch in der Politik braucht es mindestens immer zwei: Nur eine schwache Linke ermöglicht eine so starke Rechte. Wieso kann die Linke der SVP beim Thema Migration so wenig entgegenhalten?

Weil die SVP Politik mit Emotionen macht: Schweizer wählen SVP. Das sind Emotionen. Und die Linke versucht, mit Argumenten gegen Emotionen anzukämpfen. Das ist aber nicht möglich. Sollen wir sagen: Schweizer wählen nicht SVP? Das ist doch Blödsinn!

Nein, aber wir könnten sagen: Schweizer lassen sich nicht abzocken, deshalb stimmen sie Ja zur SP-Steuerinitiative.

Das ist richtig. Wir Linke müssen die soziale Frage thematisieren. Da können wir auch gewinnen. Doch wir leben in sehr apolitischen Zeiten. Nehmen wir die SP Schweiz: Ich habe mehr und mehr den Eindruck, dass meine Partei nichts anderes mehr ist als eine Administrativorganisation für die Bundeshausfraktion. Sonst passiert nichts mehr. Die Sozialdemokratische Partei, die mal Sektionen hatte und Aktionen machte auf dem Dorf, die ist heute reduziert auf die Bundeshausfraktion in Bern. Und diesen Parlamentariern ist es verdammt wohl in Bern. Wann immer ich einen solchen zu Besuch habe, erzählt der mir, dieser oder jener SVPler ist ein ganz prima Kerl, mit dem verstehe ich mich wunderbar. Dann denke ich immer, haben die es schön zusammen, kommen die gut aus miteinander. Da habe ich schon Bedenken. Umso mehr, als es die FDP als Partei auch nicht mehr gibt. Die einzige Partei, die es in der Schweiz noch gibt, ist die SVP. Sie ist nicht aufs Bundeshaus reduziert. Sie hat noch Feuer.

Wo ist denn das Feuer der Linken geblieben?

Ohne Holz kein Feuer. Und die Streichhölzer fehlen auch. Eine Ausnahme gibt es, die Gewerkschaften. Was haben wir 68 doch über die Gewerkschaften am rechten Rand der SP geflucht. Heute sind die übriggebliebenen Linken alle froh, dass es wenigstens noch die Gewerkschaften gibt.

Sind Sie eigentlich noch Mitglied der Unia?

Ja. Ich trat damals in die Gewerkschaft Bau und Holz ein. Aus Solidarität mit jenen, die wirklich arbeiten. Und weil die GBH die einzige Gewerkschaft war, die Gelegenheitsarbeiter aufnahm.

Die Gewerkschaften leben also noch, die SP aber hat das Feuer verloren, und die SVP ist dran, die Schweiz zu übernehmen: schreckliche Aussichten!

(lacht) Ich habe schon die Tendenz, deprimiert am Morgen aufzustehen. Aber so kann man ja nicht leben. Also verbringe ich den Tag mit kleinen Versöhnungen und setze mich an den Stammtisch der SVP-Wähler. Dort stelle ich fest, das sind ja auch nur Menschen. Und wir haben es ja noch gut zusammen. Dann gehe ich getrost nach Hause und ins Bett.

Quelle: work, 18.11.2010

 

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Myriam Aikidoh   |   30. November 2010
1848 - Beginn der Demokratie in der Schweiz
Der Traum der Freiheit: Die Deutschen Liberalen Revolutionäre kamen über die Grenze nach Basel und brachten dabei die Demokratie mit Waffengewalt in die Schweiz. Es gibt also eine Legende der Schweiz um 1848 ! Dann mussten die alten Zöpfe ab ! Es ist also schade, dass sich die heutige FDP nicht auf ihre Wurzeln beruft...

http://www.pukistan.ch.vu





Aernschd Born

Nochber

Aernschd Born

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"Was den Schweizer von den Menschen unterscheidet"

Anleitung für die Integration der Deutschen in der Schweiz

 




Martin R. Dean

Interkultur

Mark Terkessidis: Interkultur. Edition suhrkamp 2589

Mark Terkessidis Buch hat viele Seiten. Es entfaltet eine Kritik der landläufigen und weitgehend unhinterfragten Integrationsbemühungen. Es führt in die Topographie und Popologie der Parapolis ein und zeigt, was Fremdsein in der Stadt bedeutet und wie Städte aussehen könnten, die ein Zuhause für alle sind. Es zeigt Sackgassen und Auswege aus dem latenten wie manifesten Rassismus und preist das englische Vorbild. Es trägt die Bemühungen um eine gemischte Gesellschaft weg von der Strasse in die Ämter und Institute, wo mehr Chancengleichheit Not tut. Es beschreibt den Begriff „Interkultur“ in der Nachfolge von Homi K. Baba und Stuart Hall. – Der deutschsprachigen Welt kommt dieses kleine, aber gewichtige Buch wie gerufen. Die Schweiz mit ihrem Nachholbedarf an Integrationsregeln hat es bitter nötig. Wer immer es liest – und möglichst viele sollten es tun - hat nicht nur ein Kompendium mit (vorläufigen) Antworten, vielen Klärungen und Denkanregungen zur Hand, sondern kann auch einen Blick in die nahe Zukunft werfen, wenn es uns denn gelingt, auch nur einen Bruchteil von dem in die Realität umzusetzen, was Mark Terkessidis fordert.
Kunst + Politik hat seine Tagung vom 26.Februar 2011 in Biel unter das Motto „Interkultur“ gesetzt. 




Jürg Halter

Schule der Unruhe – Schweizer Psalm

 




Pedro Lenz

Von der Grösse der Leute

In der Sprache der Politik ist der «Mittelstand» allgegenwärtig. Doch taugt der Begriff, um die gegenwärtige Klassengesellschaft zu beschreiben?

Es ist ein harmloser Vormittag, und am Telefon trifft mich einmal mehr die beliebte Journalistenfrage, die nie als Frage formuliert wird: «Herr Lenz, Sie schreiben über die kleinen Leute.»

Was soll ich auf einen derartigen Satz antworten? Schreibe ich über oder für kleine Leute? Vermutlich sind mit den kleinen Leuten einfach die gemeint, die weniger Schulen besucht haben und weniger Geld verdienen als diejenigen, von denen sie immer als «kleine Leute» bezeichnet werden. Kleine Leute sind immer die anderen.

Und was folgt auf die kleinen Leute? Was liegt oberhalb der kleinen Leute? Wohin könnte es sie ziehen? In den Mittelstand. Natürlich: der Mittelstand, dieser mittlerste aller Stände, der irgendwann in der vermuteten Mitte zwischen einer kleinen Ober- und einer weniger kleinen Unterschicht einzementiert worden ist, und seither tun wir so, als sei er für immer der Stand der breiten Masse.

PolitikerInnen erklären uns oft und gerne, wozu der Mittelstand gut sei. Fast alle Parteien, von Mitte links bis ganz rechts, politisieren für den Mittelstand. Der Mittelstand garantiere politische Stabilität. Ohne Mittelstand sei eine Demokratie nicht denkbar. Der Mittelstand erarbeite das Vermögen, das die Oberschicht gewinnbringend anlegen möchte und die Unterschicht vom Staat nachgeworfen bekomme. Der Mittelstand ist dem Anschein nach die breite Masse derer, die sich einen Wintergarten, einen Mittelklassewagen, eine dezente Tätowierung am Fussgelenk und jährlich zwei Wochen Ferien am Meer leisten können, ihren Rauschmittelkonsum unter Kontrolle und ihre Zähne repariert haben und am Morgen die Gratiszeitung lesen.

Aufgesplittert in Communitys
Wenn ich also am Meer liege, liegt der Mittelstand genau neben mir. Stecke ich auf der Autobahn im Stau, steckt vor und hinter mir der Mittelstand. Nach den Regeln der Wahrscheinlichkeit bin ich ständig umgeben vom Mittelstand, aber ich erkenne ihn nicht.

In der Sprache der Politik ist der Mittelstand allgegenwärtig. Im Alltag ist er nur noch eine Worthülse. Ein solcher Begriff taugt nicht, um die Klassengesellschaft zu erklären, die mich umgibt. Es gibt zu viele Verschiebungen, zu viele Variabeln, zu viele Ungewissheiten innerhalb dieser Gesellschaft, zu viele Unterschiede selbst in diesem «Mittelstand».

Frage ich die Menschen um mich herum, ob sie dem Mittelstand angehören, folgt ein hilfloser Blick ins Leere. Der einzelne Mensch mag dem Mittelstand angehören, aber es gibt kein Mittelstandsbewusstsein. Dafür gibt es eine «Tchibo-Mobile-Community», der anzugehören sich dank «Community-Flatrate» lohnt. Es gibt eine «enyLab Community», in der «Sie die gleichen Rechte haben wie alle anderen Experten». Es gibt eine «20-minuten-Online»-Community. Es gibt unzählige Communitys mit unzähligen Preisvorteilen.

Meine Zugehörigkeit zum Mittelstand wurde mir nie mit einer Kundenkarte bestätigt. Dagegen habe ich Schubladen voller Community-Cards von Kleidergeschäften, Supermarkt- und Restaurantketten, Versicherungen und Versandhäusern. Der Mittelstand ist aufgesplittert in Tausende von Communitys, denen wir jeweils so lange angehören, wie wir in einer Kundenkartei geführt werden.
«Mittelstand» bezeichnet nichts Greifbares. In einer Zeit, in der immer mehr Menschen Angst um ihre soziale Stellung, um ihre Jobs, Renten und ihre Zukunft haben, wird der Begriff zur Worthülse, die manche soziale Wahrheit kaschiert.

Zwar haben einige von uns im Hinterkopf noch die Idee, es gebe unten die kleine Gruppe der kleinen Leute und oben ein paar Reiche und dazwischen die breite Mittelschicht. Die Wirklichkeit erfahre ich anders: Es gibt in der Schweiz eine Oberschicht, die, verglichen mit anderen Ländern, relativ breit ist. Die grosse Mehrheit aber besteht aus Leuten, die sich mehr oder weniger abstrampeln und hoffen, einmal aufzusteigen. Doch die weit verbreitete Hoffnung, die Grenzen zwischen oben und dieser in sich heterogenen Mehrheit seien durchlässig, erweist sich zunehmend als Illusion. Wer nicht der Oberschicht angehört, strampelt, kämpft, setzt Ellbogen ein, riskiert die Gesundheit und merkt in der Regel nicht, dass etwas an diesem Kampf nicht stimmt.

Die Butterregel der Oberschicht
In den Ländern, die von der Finanz- und Wirtschaftskrise betroffen sind, lässt sich erkennen, was uns diesbezüglich bevorstehen könnte. In Spanien wird dem Personal im öffentlichen Dienst, also lauter Leuten, die früher der Mittelschicht zugerechnet worden wären, jede soziale Errungenschaft der letzten Jahrzehnte abgesprochen. Wer sich gegen Rentenabbau oder schlechtere Sozialleistungen wehrt, wird von den Regierenden als «reaktionär» beschimpft. Alle müssten ihre Opfer bringen, heisst es. Mit «alle» sind freilich nur die Angehörigen des ehemaligen Mittelstands und der Unterschicht gemeint. Die Oberschicht bedient sich der Klassenrhetorik, die einst der Linken gehörte, um den Mittelstand aufzulösen. Reaktionär sind jetzt diejenigen, die sich gegen Sozialabbau wehren und partout nicht einsehen wollen, dass Steuergeschenke für SpitzenverdienerInnen ökonomisch sinnvoll sind.

Zu dieser Entwicklung passt es, romantisierend von den «kleinen Leuten» zu reden. In den Augen der politisch bestimmenden Oberschicht sind die kleinen Leute diejenigen, die sich klaglos unten einreihen. Die Reichen mögen kleine Leute, die einsehen, dass es in schweren Zeiten keine Arbeitsplatzsicherheit geben kann, die nötigenfalls auch am Sonntag für einen Hungerlohn im Verkauf arbeiten und sich nicht wehren, wenn die Schere zwischen den obersten und untersten Einkommen täglich weiter auseinandergeht. Wer sich da noch dafür wehrt, einer Schicht anzugehören, die früher als staatstragend gerühmt wurde, und sich bemühen muss, nicht in die Armut abzurutschen, ist nicht flexibel.

Zuweilen habe ich den Verdacht, dass die als Aussage formulierte Journalistenfrage «Herr Lenz, Sie schreiben über die kleinen Leute» ein versteckter Befehl ist. Immer harmlos und immer voller Empathie über kleine Leute zu schreiben, hiesse nämlich, so zu tun, als sei in diesem Land alles in Butter. Und die Butterregel der steuererleichterten Oberschicht in der Schweiz geht ungefähr so: der Mittelstand aufgelöst, die kleinen Leute still und literarisch verklärt, für Asylsuchende acht Franken Nothilfe am Tag, und wer sich dagegen auflehnt, ist reaktionär oder unflexibel.

 

«Zur Lage der Republik»  

Dieser Beitrag ist eine redaktionelle Begleitung der neusten Veranstaltung in der Diskussionsreihe «Zur Lage der Republik» am kommenden Montag (1. Oktober, 20 Uhr, Buchbar Sphères, Zürich). Rutscht der Mittelstand ab Richtung Prekariat? Wehrt er sich mit Tritten nach unten und Buckeln nach oben? Darüber diskutiert der Historiker Jakob Tanner mit dem Psychoanalytiker Peter Schneider. 

Das Netzwerk für Philosophie und Psychoanalyse Entresol, die Zürcher Buchbar Sphères und die WOZ organisieren unter dem Titel «Zur Lage der Nation» sechsmal im Jahr unterhaltsame Debatten zu aktuellen Themen.
 





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