ENCORE ET TOUJOURS LA SUISSE!

A l’occasion de la célébration du 1er août

Curatrice: Ruth Schweikert

A l’occasion du 1er août prochain, les artistes ont décidé de donner de la voix – leur voix, diverse et multiple – sur la Suisse d’aujourd’hui. Les artistes sont en effet préoccupés par la situation de la Suisse sur le plan national et international, par le fossé entre la perception que le pays a de lui-même et sa véritable situation dans le monde.


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Katarina Holländer

Reise durchs Land

Fugenlos fliesst der Fensterrahmen um die Aussicht herum in gerundeten Ecken, eingespielt gleiten wie auf polierten Schienen die Dinge in ihr. Sie bewegen sich ganz wie erwartet, die vorderen schnell von einer Seite zur anderen, die etwas weiter entfernt platzierten lassen sich gebührend Zeit mit dem Verschieben ihrer Position, während jene, die den Horizont zu bilden bestimmt sind, mit der Illusion ihrer Reglosigkeit beauftragt verharren. Unverändert scheinen sie dazustehen, festgefügt, bis sie irgendwann plötzlich nicht mehr zu sehen sind, und man hat gar nicht bemerkt, wie das kam, so viel Schönes gab es überall zu erblicken, gletscherverheissende Fernen, an Hausfassaden Blumenkistchen, und braune Rehe aus bemaltem Beton in Gärten, die nahe genug an unser Fenster gerückt sind, um uns überraschen zu können, und von registrierten Künstlern bunt gestaltete Schallschutzmauern. Alles stimmt hier wie immer, pünktlich kommt der Kontrolleur, pünktlich kommt der Fluss. Sollte man vom Fluss nicht unterrichtet gewesen sein, kann man ihn an Karten überprüfen, die hier aufgehängt sind. Ununterscheidbar von der Erwartung bewegen sich die Dinge im Rahmen, wir rechnen uns aus, wo wir jetzt sind und was bald in unserem Fenster erscheint, und schon kommt das nächste blaue Rechteck mit den vertrauten weissen Lettern und beweist, dass alles in bester Ordnung verläuft, die Aussicht ist schön, wie wir alle wissen, die Bergsicht ist unverbaubar, Menschen sind nicht zu sehen, und die Fenster vor unseren Augen sind makellos sauber. Dass das Land eine Aussicht ist, fällt nicht auf, schnell ist einem der Raum abhanden gekommen ausserhalb der Fenster, man denkt ihn sich hinzu, bläuliche Einfärbung schmaler Partien genügt sowie der zentralperspektivische Trick, die Bäume haben zu rasen, die Häuser drehen sich wie am Schnürchen, die Gräser im Vordergrund neigen sich weg und die Sonne hüpft ab und zu von einer Seite zur anderen. Eine Beruhigung stellt sich ein, alles weist auf das erhoffte Verhältnis zwischen den beiden Räumen hin. Man fühlt sich gern selbst wie eine Geranie, das ist ein schönes Gefühl. Hier ist alles geordnet, man sitzt einander gegenüber ohne sich anzuschauen. Die Aussicht zu betreten scheint riskant zu sein, gut, ist man drin. Die eigene Ansicht zu betreten liesse einen aus dem Rahmen fallen, und was, wenn sie doch nicht so vollklimatisiert ist, wie sie ausschaut? Stolpert man vielleicht unversehens über die Kabel, mit welchen die grüne Farbe des Rasens geregelt wird? Vielleicht haben die Blumen eine graue Papprückseite und hinter den Riegelhausfassaden stehen nur Gerüste, hinter denen sich stinkende Abfallhalden türmen, und was, wenn die Wanderwege nie über den Horizont hinausführen? Die Aussicht wird eine exakt bemessene Zeit lang in Bewegung versetzt, von unten her werden altertümliche Fahrerschütterungen simuliert, welche die Insassen beruhigen. Da und dort wird Fahrtneigung angedeutet, es stehen Toiletten bereit, in denen die Seife nie ausgeht, und unter dem Kloloch läuft ein Film, da sieht man die Schwellen davonrasen, so schnell, dass man sie gar nicht sieht, und wenn man den Klodeckel hebt, kommt einem von dort auch Fahrtwind entgegen, eine anachronistische Sentimentalität, und durch die leere Mitte, in der man frei gehen könnte, die jedoch keiner betritt, ausser wenn ein Bedürfnis dazu zwingt, kommt in regelmässigen Intervallen ein als Ausländer verkleideter Angestellter vorbei, der Lebensversorgung bringt, synthetische Ess- und Trinkwaren, zu masslosen Preisen, um die Tatsache zu betonen, dass dies die letzte Welt sei, die letzte bewohnbare Oase, alles Geld, das man hier ausgibt, ist gewissermassen gerettet, man wird es eh hier lassen müssen, draussen hilft keine Währung mehr weiter, also gibt man es am besten hier aus, schnell und vollkommen schmerzlos, und zur Belohnung erhält man etwas Süsses. 


Katarina Holländer, geboren 1964, studierte Literatur- und Kunstgeschichte in Zürich und lebt und arbeitet in Zürich und Prag.
 

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