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«à ta place» - Art et politique

«à ta place» (2012)

Vingt-neuf autrices et auteurs suisses, toutes générations et toutes origines régionales confondues, viennent de rencontrer des personnes recevant l’aide d’urgence, des sans-papiers ou des requérants d’asile dont la demande a été rejetée. Ils ont prêté oreille à leur histoire et, aujourd’hui, leur donnent une voix. Ils parlent «à leur place».

Avec un texte «bonus» de Sabine Wen-Ching Wang.


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L'dition imprime de ces textes est parue en 2013 aux Editions d'en bas
ISBN 978-2-8290-0458-2

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Revue de presse


Guy Krneta

Ich bin nicht von Togo


Ich bin Journalist. Ich habe für Kultur geschrieben. Aber auch politisch, unter einem Pseudonym. Die Zeitung hatte mein Schwager gegründet. Er arbeitete eine Weile mit dem Geheimservice zusammen. Ein Onkel von uns ist beim Militär. Im Februar 2007 hatte mein Schwager einen Termin beim Präsidenten. Er wurde gewarnt. Er sollte nicht zu diesem Termin gehen. Er ist geflohen. Nach Ghana. Über Italien. In die Schweiz.

Viele Leute in Togo sind getötet worden. Und viele ohne Gericht ins Gefängnis gebracht. Mein Schwager hatte begonnen zu recherchieren. Aus der Schweiz hatte er gebeten Fotos zu machen, an einem bestimmten Ort. Viele Leute sind dort getötet worden. Wir waren zu dritt unterwegs. Männer in einem Geländeauto haben uns angehalten und gefragt: Was macht ihr da? – Wir haben nur unseren Weg verloren. Sie haben gesehen, dass wir einen Fotoapparat dabei haben. Sie haben uns festgenommen und in ein Gefängnis gebracht. In Togo gibt es viele Geheimgefängnisse. Sie haben uns geschlagen.

Unser Onkel beim Militär hat geholfen. Wir sind nach Ghana geflohen. In Ghana waren wir bei einem Freund. Er arbeitet mit dem Geheimservice von Ghana zusammen. Nach einigen Wochen hat er gesagt: O.k. ich kann eine Flucht organisieren. Das war im April 2009. Wir sind zu dritt nach Frankreich gereist. Am Flughafen Charles de Gaulle hatten wir ein Interview. Sie haben gefragt, warum wir Asyl wollen. Zwei Tage später kam ein Mann. Er hat uns gesagt, er ist von Togo, er kann uns helfen. Er braucht unsere Passeportes. Dann habe ich telefoniert mit meinem Schwager in der Schweiz. – Wie heisst der Mann? Hat mein Schwager gefragt. – So und so, habe ich gesagt. – Nein, der ist vom Geheimservice von Togo. Der ist Militärarzt in Frankreich. Er kennt viele Leute. Ihr müsst sofort weg.

Wir haben ein Auto organisiert, das hat uns in die Schweiz gebracht. Doch jemand hat uns gesagt, wenn wir sagen, wir sind über Frankreich gekommen, werden wir sofort nach Togo geschafft. Also haben wir gesagt, wir sind über Italien gekommen. Beim zweiten Interview habe ich es korrigiert. Ich kann nicht sagen, ich bin über Italien gekommen, wenn ich keine Zeugnisse habe. Ich habe gesagt, nein, ich bin über Frankreich gekommen.

So habe ich diese Asylerfahrung gemacht. Ich hatte einige Probleme im Kanton Aargau. Rassistische Probleme. In Togo denken die Leute, in Frankreich, in der Schweiz, da gibt es keine rassistischen Leute. Doch es gibt Leute. Man muss aufpassen. Man ist in einem Verfahren. Es ist mir schwer gefallen. Wenn etwas nicht richtig läuft, muss ich es sagen.

Ich war in Waltenschwil, in Hägglingen, in Aarburg. In Hägglingen war die Waschmaschine kaputt. Also bin ich immer nach Waltenschwil gegangen. Doch in Waltenschwil haben die Leute von der Securitas gesagt: Du hast kein Recht hier zu waschen. In Aarburg war ich einkaufen im Denner. Auf einmal sind zwei Leute gekommen: Polizei, Ausweis! Ich hatte nur mein Abonnement. Sie haben angerufen und gesagt: O.k. du musst mitkommen. Wir wollen das prüfen. Sie haben mich direkt ins Gefängnis gebracht. Ich musste alle Kleider ausziehen und habe eine Nacht im Gefängnis geschlafen. Am Morgen haben sie gesagt: Nein, sie sind nicht im System. – Warum muss ich dann im Gefängnis schlafen? – Sie haben englisch gesprochen. Da haben wir gedacht, sie sind ein Drogendealer. – Nein, habe ich gesagt, nicht alle Leute, die englisch sprechen, sind Drogendealer.

Nach zweieinhalb Jahren haben sie gesagt: Asylverfahren beendet. Sie dürfen nicht hier bleiben. Ich bin ins Ausschaffungsgefängnis gebracht worden. Hier habe ich Deutsch gelernt. Ich war neun Monate im Ausschaffungsgefängnis. Ich habe Rekurs gemacht. Mein Schwager hat ein Zeugnis geschrieben. Er hat Kopien gemacht von unserer Zeitung, damit sie sehen: Ja, ich habe auch politisch geschrieben, nicht nur Kultur. Wir haben diese Kopien ans Bundesamt für Migration geschickt. Aber sie haben gesagt: Nein, das ist suspekt.

Dann bin ich ausgeschafft worden. Fünf Männer aus Togo mit Spezialflug. Beim Interview in Lomé habe ich englisch gesprochen. Ich bin nicht aus Togo, habe ich gesagt. – Wir haben deine Identitätskarte. Wir kennen dich. Und später haben sie mich verhaftet. Sie haben mich in eine Villa gebracht, kein offizielles Gefängnis. Das ist eine Villa, die gehört dem Geheimservice. Sie haben mich geschlagen. Sie wollten, dass ich etwas unterschreibe. Ein Papier. – Ich habe gesagt, nein, das mache ich nicht. – Sie haben Interviews gemacht. Sie haben gefragt: Haben sie Kontakte mit Boko Haram? – Warum soll ich Kontakte mit Boko Haram haben? Ich bin nicht von Nigeria. Sie haben einfach etwas gefragt, um mich schlagen zu können.

Sie haben Geld verlangt: 3 Mio CFA. Das sind 5'500 Franken. Ich habe Geld gehabt in der Schweiz: 2'300 Franken. Ich habe gearbeitet im Ausschaffungsgefängnis, in der Küche. Mein Schwager hat das Geld nach Togo geschickt. Jemand hat es Commissaire Z. gegeben. Zusammen mit dem Erbe von meinem Vater. Mein Vater war Ingenieur gewesen. Er hatte sechs Jahre in Deutschland gearbeitet. Nach meiner Flucht wurde er verhaftet und geschlagen. Das war im April 2009. Kurz danach ist er gestorben: Herzkrise. Raison inconnue, haben sie im Zertifikat geschrieben.

O.k. sie können gehen, hat Commissaire Z. gesagt. Nach zwanzig Tagen Gefängnis. Jetzt bin ich an einem Versteckplatz in Lomé. Ich habe Angst. Es gibt nicht viele Leute, denen ich vertraue. Mein Schwager wollte Fotos, als Beweis. Ich habe sie geschickt. Man kann sehen: Ich habe Wunden am Kopf, am Rücken, an den Armen. Ich bin nicht ins Spital gegangen. Im Spital werde ich gefragt: Was ist passiert und so weiter.

Wenn etwas offiziell ist, ist es noch gefährlicher. Wir haben eine Menschenrechtskommission in Togo. Der Chef dieser Kommission hat kürzlich einen Bericht geschrieben, wegen Folter in Togo. Doch die Regierung hat gesagt, das ist nicht wahr. Sie hat gesagt, dass sie diesen Mann töten wird. Jetzt ist er in Frankreich, als Asylbewerber.

«Ich kenne niemanden, der aus dem Asylverfahren zurückgeschickt und nachher an Leib und Leben verfolgt worden wäre», sagte Christoph Blocher in der Nationalratsdebatte vom 13.6.2012. – Wieviele zurückgeschickte Asylbewerber kennt Christoph Blocher?

Namen und Daten wurden geändert.


Guy Krneta ist Dramatiker und Spoken-Word-Autor. Er lebt mit seiner Familie in Basel.


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