Aufruf der Hundert


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Hans Peter Gansner


Politische Gedichte

 

Almöhis Protest-Jodel

 

Und dass mir niemand mehr

         Mit Werbung kommt

                  In Heidy-Grusicals

                            Und kitschigen Heimat-Serien

                                     Mit quadrophonem Kuhgeläut

 

Und Reality-TV

         Mit Geissenpeter und Alpsauheiri

                  Mit Plastik-Alphornuntermalung

                            Und edelweissverziertem Country-Groove

 

Um uns Bergler in den Bergen abzuspeisen

         Mit der uperisierten Magermilch im Pappbehälter

                  Der TV-seriellen Denkungsart!

 

Damit hat man uns Mountain-People jetzt

         Lang genug schon mit Erfolg für Entertainerkassen

                  Servil und rückgratlos gemacht!

 

Ich hab als wahrer Almöhi jetzt die Tyrannei

         Mit spitzem Milchbart

                  Weiss der Himmel genug gelitten!

 

Ich will der Freiheit Morgen

         Endlich schäumen sehn

                  Und zwar bernsteingelb!

 

Und sprudeln sollen

         Malz und Hopfen

                  Uns im Alpenglühn!

 

Und gurgeln soll

         Der goldne Bergbach des Aufruhrs

                  gletschereisgekühlt und

                            Bitter schäumend

 

Durch die Älplerkehle die

         Ausgetrocknet – weniger

                  Von duftend stäubendem Bergheu

                            Als von miesen Werbetexten

                                     Und dünnen Soaps –

 

Nach der grossen sprich:

         Nach der wahren

                  Freiheit lechzt!

 


Der Krieg ist heute eine Alltags-Plage

 

(Nach Andreas Gryphius)

 

Du siehst, wohin du schaust, Zerstörung nur auf Erden;

Was gestern ward zur Statue, reisst einer heute ein;

Wo einst die Wiese war, gleisst heute Grossstadt-Schein;

Fort ist die Milka-Kuh, die auftrat hier in Herden...

 

Was gestern grün geblüht, ist heut' in Gift erstickt;

Wo früher atmet' Wald, starrt heute Stacheldraht;

Und ewig herrschen nur die Banken und der Staat;

Es lachte uns Natur, nun donnert Flugzeug-Lärm...

 

Der grossen Herren Macht hat unsern Traum zerstört!

Wie kann den Fortschritts-Wahn die Menschheit überstehn?

Ach, wo ist es wohl hin, was wir so köstlich nennen...?

 

Nur zahlen herrschen heut', Profit und Effizienz!

Ein lockig Schäferkind du heut vergeblich suchst...

Doch wollen, wie es ist, nur wenige erkennen...

 


Der Kommilitone

 

(Frei nach Heinrich Heine)

 

Man kann nicht sagen, sie mochten sich:

Jungdichter der eine, der andre Germanist.

Wenn er Polit-Poeme machte,

Der kam ins Seminar und lachte.

 

Der Tag verging mit Studium und Kampf,

Die Nacht mit Strategie- und Spagettidampf

Und als man die Prüfungen schwer ihm machte...

Sass der in der Kneipe und lachte.

 

Er schrieb sein Liz über Antifa

Und ging auch tapfer ins Alternativseminar.

Und auch beim besetzten AKW er wachte...

Der schrieb seinen Doktor über Goethe und lachte.

 

Er schrieb ein linkes Theaterstück,

Und noch eines, alle sehr engagiert,

Die dem neuen Dramaturgen er brachte:

Der sass in der Kantine und lachte.

 

Da schrieb er einen Roman über alles das,

Was erlebt und erlitten er hatte,

Und was er von dieser Gesellschaft dachte:

Der sass im Verlagslektorat und lachte.

 

Und weil niemand seine Gedichte, Romane

Und brisanten Theaterstücke brachte,

Heisse Reportagen er nun eines Tages machte:

Doch wer sass in der Redaktion und lachte?

 

Da sank er schliesslich dahin, der Unsterbliche, halt,

Und die Maus entsank seiner Faust.

Ein Anonymer am Grab eine Weile wachte,

Publizierte einen "tief empfundenen Nachruf" –

 

Und lachte!


Die letzte Chance

 

Wieder einmal wollte ich als Citoyen

den Service public unterstützen

gab meinem Chauffeur einen freien Tag

und nahm den IC Genf-Basel.

 

Doch war da weder ein Speisewagen

noch ein Wägelchen um zu Fooden

und zwar wegen eines "technischen Problems"

wie es über Lautsprecher mehrmals blecherte.

 

Die CEO's mit den gefährlichen

Man-in-black-Brillen jonglierten schon

mit ihren Kreditkarten-Leporellos

und liessen blinkende Handys blitzen

 

hatten sie doch eben den Atlantik überquert

kamen vom Aéroport Genève-Cointrin hungrig nach

einem Meal in einem jener berühmten Schweizer

Wagons-Restaurants und merkten jetzt

 

dass alle Kreditkarten und Handys zusammen

kein Essen herschafften und jeder vereinzelt

einem Midas gleich den die Götter erhört hatten

und alles zu Gold verwandelte was er berührte

 

wurden die armen Manager zu magen-

knurrenden Nörglern die nicht einmal

Gedichtbücher dabei hatten wie ich um lesend

ihren Hunger in Ekstase zu verwandeln.

 

Unablässig gaben sie wie Marschbefehle

Rezepte an Handynummern durch

und werden wohl jetzt heisshungrig über ihre Teller

herfallen während ich hier am Basler Literaturfestival

 

ruhig und gut gedopt von Hunger-Halluzinationen

à la radeau de la Méduse als Menschen Menschen

verspeisten meine Gedichte aus fünfundzwanzig Jahren vortrage.

Doch für die Rückreise an den Genfersee

 

das könnt ihr mir nicht verübeln hab ich bereits

meinen Chauffeur wieder bestellt denn in der Minibar

meiner Luxus-Limousine harren meiner bereits etliche

schmackhafte Bio-Häppchen aber wie sich meine

 

Fahrplan-Änderung auf unsere Umwelt

und das ganze Ökosystem auswirkt besonders wenn

die andern Herren auch so reagieren und in Zukunft

ebenfalls ihre ureigene Privatkutsche bestellen

 

um nicht mitten in der schönen satten Schweiz

auf offener Strecke hungern zu müssen –:

das mein sehr verehrtes Publikum

ist natürlich eine andere Frage…

 

(Vorgetragen am Literaturfestival Basel 2004. À propos: "mitten in der schönen satten Schweiz": auch in einem eher ironisch gefärbten Gedicht muss doch auch an die Tatsache erinnert werden, dass heute in der Schweiz 850 000 Menschen unter der Armutsgrenze leben.)


Hans Peter G A N S N E R

Schriftsteller, Journalist und Übersetzer
Geboren am 20. März 1953 in Chur

Lebt als freier Schriftsteller und Publizist in Genf und Hoch-Savoyen




 


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