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«an deiner statt» - Kunst und Politik

«an deiner statt» (2012)

Neunundzwanzig Schweizer Autorinnen und Autoren unterschiedlicher Generationen, Geschlechter und Sprachen haben eben so viele Nothilfe-Bezügerinnen, Sans-Papiers und abgewiesene Asylbewerber getroffen und mit ihnen Gespräche geführt. Sie haben ihnen ihr Ohr geliehen und geben ihnen eine Stimme. Sie reden «an ihrer statt».

Mit einem Bonus-Text von Sabine Wen-Ching Wang.


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Die Buchausgabe:
Editions d'en bas / im Buchhandel
ISBN 978-2-8290-0458-2

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Pressestimmen


Johanna Lier

Und sie wissen mehr über mich als ich selbst…


von Nistiman Amed für Johanna Lier

Das Leben in einem türkischen Gefängnis würde ich dem Leben in der Schweiz vorziehen. Weil ich aber Asylbewerber bin, lässt man mich nicht zurückreisen. Ist das schwer zu verstehen? Gut. Ich erzähle dir eine Geschichte. Eines Abends wurde ich von zwei Typen auf der Strasse zusammengeschlagen und sie brachen mir die Nase. Einfach so. Ich erstattete Anzeige, die zwei Männer wurden festgenommen, mich behielten sie aber ebenfalls auf der Wache, sie glaubten mir nicht. Ja, ich verbrachte die ganze Nacht mit dem Typen, der mir die Nase gebrochen hatte, in der gleichen Zelle. Ich rief eine Freundin an und erzählte ihr die Geschichte. Sie kam, um mir zu helfen. Und sie war fassungslos: dass es so etwas in der Schweiz gibt? Das ist ja unglaublich!

Eine weitere Geschichte. Ich wohne in einem Haus mit anderen Flüchtlingen zusammen. Unten gibt es ein Restaurant und wir müssen die Toiletten dort benutzen. Der Besitzer macht uns jedesmal, wenn er einen von uns sieht, Vorwürfe, wir würden ihn ausnutzen. Wir kriegen pro Monat 300 Franken für Essen, Kleider, Reisen und Freizeit. Die Miete und die Krankenkasse sind bezahlt. Theoretisch dürfte ich arbeiten. Aber ich werde nicht eingestellt, weil der Arbeitgeber höhere Sozialabgaben bezahlen müsste – aber wer will das schon. Auch weiss niemand, wie lange ich bleiben kann, mein Verfahren läuft. Und wer will schon jemanden einstellen, der vielleicht schon Morgen ausgewiesen wird?

Du willst mir eine Stimme geben? Aber ich habe ja eine Stimme. Gut, ich bin Asylbewerber, muss mich nicht verstecken, wie es die Leute, die keine Papiere haben, tun müssen. Das ist eine andere Situation. Aber lass es mich genauer erklären. Letzthin machte eine Journalistin ein Interview mit mir. Sie veröffentlichte es, ohne mich vorher lesen zu lassen. Sie hat alles weggelassen, was nicht ihrem Bild von einem Flüchtling entsprach und stellte mich als armen, ungebildeten, unterdrückten, eingeschüchterten Menschen dar, der aus einer minder entwickelten Kultur kommt und nun Hilfe braucht. Das entspricht genau dem üblichen gesellschaftlichen Vorurteil. Und diese Journalistin ist davon ausgegangen, dass sie mehr weiss über mich, als ich selbst.

Dieses Problem haben wir manchmal auch innerhalb unserer Kunstprojekte. Da gab es doch diesen Künstler, der hatte in Basel einen Glaspavillon aufgebaut, dann kam er zu uns und meinte, er bräuchte zwei dunkelhäutige Flüchtlinge. Die mussten dann in diesem Glaskäfig rumstehen und die Besucher gafften sie an. Das geht doch nicht, dass Künstler einfach daherkommen und sagen, wir brauchen solche oder solche und uns dann einfach irgendwo hinstellen. Da werden Verletzungen benutzt, um etwas zu zeigen. Aber auf diese Weise schliessen sich die Wunden nicht, man stochert darin herum und sie gehen wieder auf. Mir ist auch aufgefallen, dass es viele gibt, die sich zum Beispiel für unterdrückte Minderheiten in Mexiko einsetzen. Sie interessieren sich für Gewalt, Krieg und Diktaturen. Aber sie wollen nicht sehen, was in der Schweiz passiert. Das Elend der Flüchtlinge, der Rassismus, die Vorurteile und mangelnde soziale Verantwortung.

Gleichgültig ob in der Kunst, in der Gesellschaft oder in der Politik, man könnte uns doch fragen, wie wir unsere Situation einschätzen, da wir als Betroffene doch eigentlich wissen sollten, was Sache ist. Und wir müssten gemeinsam erkennen, was dieses System mit uns allen macht. Vergiss deine Karriere, dein Einkommen, deine Position, deine Sicherheiten, denn du sitzt im selben Boot wie ich, wir sind den gleichen politischen und wirtschaftlichen Dynamiken ausgeliefert. Du auf der einen, und ich auf der anderen Seite. Und dass die eine Kultur der anderen überlegen sein soll, macht für mich überhaupt keinen Sinn.

Ich engagiere mich in kulturellen Projekten und in politischen Aktionen. Und lerne doch auch viele Leute kennen, die wirklich versuchen zu verstehen, wer ich bin und woher ich komme. Und ich versuche dasselbe mit ihnen. Und so haben wir einen guten Austausch. Ah, darf ich dir dieses Flugblatt geben? Könntest du nicht schauen, dass darüber berichtet wird? Kennst du Metin Aydin? Er ist ein kurdischer Politiker. Im Sommer 2011 wurde er in der Schweiz verhaftet. Obwohl er in Frankreich ein anerkannter Flüchtling ist und er dorthin zurückkehren könnte, wollen ihn die Schweizer Behörden nun an Deutschland ausliefern. Das würde für ihn die Auslieferung an die Türkei bedeuten, weil die deutsche Regierung ein Auslieferungsabkommen mit der Türkei unterzeichnet hat. Es ist klar, dass diese Angelegenheit keine juristischen, sondern politische Hintergründe hat. Wir müssen dringend etwas unternehmen. In der Türkei drohen Metin Aydin Folter und lebenslängliche Haft.


Johanna Lier lebt und arbeitet als Dichterin und Journalistin in Zürich. Sie veröffentlichte zahlreiche Gedichtbände, zwei Theaterstücke wurden in der Schweiz aufgeführt und sie hat soeben ihren ersten Roman beendet. Sie ist als Dozentin für kreatives Schreiben an diversen Hochschulen tätig.


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