Littérature en cas de crise
Literatur im Krisenfall

Journées Littéraires de Soleure, 16 mai 2015, au Landhaussaal

Ausgangspunkt jeder Literatur sind Konflikte. Wären Menschen eins mit sich und der Welt, hätten sie vielleicht nie zu erzählen begonnen. Doch selten führt die Erzählung über den Konflikt hinaus oder vermag ihn gar zu lösen. Was leistet die Literatur im Krisenfall?

  

Acht Autorinnen und Autoren deutscher oder französischer Sprache wurden eingeladen, mit literarischen Mitteln einen «Vorstoss» zu formulieren, der sich auf einen politischen Konflikt bezieht.

Im Gespräch mit Cédric Wermuth, Nationalrat und Co-Präsident der SP Aargau, und unter der Leitung von Corina Caduff diskutierten die Autorinnen und Autoren über die Möglichkeit, politische Konflikte mit den Mitteln der Literatur erfassbar, mitteilbar, gestaltbar zu machen.

Eingeladen haben Adi Blum und Guy Krneta, Vorstandsmitglieder von «Kunst+Politik».
In Zusammenarbeit mit den Solothurner Literaturtagen.


Yari Bernasconi

Cinque cartoline dal fronte (intorno a Ponte Tresa)


Dicono guerra e io guardo il lago
appena mosso. Lo specchio di cielo
fra Italia e Svizzera, nel tepore del sole
che arriva. Gli eroi sono altrove:
niente sanno di queste vite assembrate
negli abitacoli e nel traffico, in mezzo a polveri
sospese. Le giornate che si stringono
fra due diverse e sempre uguali indifferenze.
Non direbbero guerra, se potessero.

*

Qualcuno vorrebbe capire e riconoscere
un tratto distintivo, ma è subito sconfitto:
la piccola stazione risponde solo
di una folla disordinata, di sguardi
che cercano in luoghi dispersi
o inaccessibili. Discretamente e forse
con un po’ di vergogna. Il resto è un lento
transitare oscillante: chi scende dal vagone,
chi aspetta, chi aiuta un anziano a salire.

*

Non ci sono stendardi e grandi mitologie
da rianimare. Solo piccole sofferenze,
sacrifici comuni. Sono tutti superstiti,
qui, dove i sentieri s’intrecciano sotto il verde
di boschi fitti e poco spettacolari.
Colline uguali, forse monti, e il fiume
abbandonato dalle anguille, più in basso.
Non ci sono trincee, ma sempre più profondo
è il solco dell’odio, delle finte incomprensioni.

*

Verso Luino le strade non crollano,
non lasciano voragini aperte sopra il buio.
Solo gli smottamenti danno scosse leggere
alle curve e ai profili delle rocce. Le storie
di contrabbando sbiadiscono lontane:
auto svizzere e italiane attendono al semaforo
che è sempre rosso all’entrata del tunnel.
Poco dopo, dov’è il tornante pericoloso,
fiori di plastica si sciolgono al sole.

*

Attraverso la striscia d’acqua dolce
fra Caslano e Lavena, dove i pesci
sembrano rallentare, un ragazzo raggiunge
l’altra riva e schiamazza. Ma se ritorni
domani o dopo, quando il velo di pioggia
nasconde il cielo, vedi gli alberghi cupi e inabitati
e le case svuotate, mentre su è solo monte,
strapiombo. Senti l’ansia dell’inizio, e più forte
la paura di un’altra, nuova fine.

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Traduction française

Fünf Postkarten von der Grenze (um Ponte Tresa)

Übersetzung von Julia Dengg

Sie sagen Krieg und ich schaue zum See
kaum gekräuselt. Der Spiegel aus Himmel
zwischen Italien und der Schweiz, in der milden Sonne
die kommt. Die Helden sind anderswo:
Nichts wissen sie von den sich sammelnden Leben
in den Autos und dem Verkehr, mitten im stehenden
Staub. Die Tage, die sich zwängen zwischen zwei
verschiedene und immer gleiche Gleichgültigkeiten.
Sie würden nicht Krieg sagen, wenn sie könnten.

*

Mancher möchte verstehen, einen unterschiedenen
Zug erkennen, doch gleich unterliegt er:
Der kleine Bahnhof antwortet nur
mit einer ungeordneten Menge, mit Blicken
die an verstreuten oder unzugänglichen
Orten suchen. Verhalten und vielleicht
ein wenig verschämt. Der Rest ist ein langsames
wechselndes Passieren: Einer steigt aus dem Waggon
einer wartet, einer hilft einem Alten einsteigen.

*

Da gibt es keine Standarten und großen Mythologien
wiederzubeleben. Nur kleine Leiden
gewöhnliche Opfer. Alle haben überlebt
da, wo die Wege sich kreuzen unter dem Grün
der Wälder, dicht und wenig spektakulär.
Gleiche Hügel, Berge vielleicht, und der Fluss
verlassen von den Aalen, weiter unten.
Da gibt es keine Schützengräben, doch immer tiefer
ist der Spalt des Hasses, des fingierten Unverständnisses.

*

Richtung Luino stürzen die Straßen nicht ein
lassen keine offenen Schluchten über dem Dunkel.
Nur die Muren versetzen den Kurven
leichte Stöße und den Felsfronten. Die Geschichten
von Schmugglern verlöschen fern:
Schweizer und italienische PKWs warten an der Ampel
die immer rot ist an der Tunneleinfahrt.
Wenig weiter, wo die gefährliche Kehre ist
schmelzen Plastikblumen in der Sonne.

*

Über den Streifen aus sanftem Wasser
zwischen Caslano und Lavena, wo die Fische
sich zu verlangsamen scheinen, erreicht ein Bub
das andere Ufer und kreischt. Doch wenn du wiederkommst
morgen oder später, und der Regenschleier den Himmel
versteckt, siehst du dunkle, unbewohnte Gasthöfe
und leere Häuser, während oben nur Berg ist
Überhang. Du spürst die Angst vor dem Anfang und
noch stärker, die Angst vor einem anderen, neuen Ende.


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Cinq cartes postales du front (autour de Ponte Tresa)

Traduction de Véronique Volpato (1,2,4)

C’est de guerre, qu’ils parlent, et je regarde le lac
à peine agité. Ce miroir de ciel
entre Italie et Suisse, dans la tiédeur du soleil
qui arrive. Les héros sont ailleurs :
ils ne savent rien de ces vies rassemblées
dans les habitacles et dans le trafic, au milieu des poussières
en suspension. Des journées qui se resserrent
entre deux indifférences distinctes et toujours pareilles.
Ils ne parleraient pas de guerre, s’ils le pouvaient.

*

A vouloir comprendre et reconnaître
un trait distinctif, on doit s’avouer vaincu :
la petite gare n’a pour toute réponse
qu’une foule désordonnée, des regards
qui cherchent, dans des lieux épars
ou inaccessibles. Discrètement, et peut-être
avec un peu de honte. Pour le reste, c’est la lente
oscillation du transit : l’un descend du wagon,
l’autre attend, l’autre encore aide un vieux à monter.

*

Vers Luino les routes ne s’effondrent pas,
elles n’ouvrent pas de gouffres, béants par-dessus le noir.
Les glissements de terrain donnent seuls quelques légères secousses
aux virages et aux contours des rochers. Les histoires
de contrebande s’estompent, lointaines :
les voitures, suisses et italiennes, attendent au feu
toujours rouge à l’entrée du tunnel.
Un peu plus loin, au tournant dangereux,
des fleurs en plastique fondent au soleil.


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