Littérature en cas de crise
Literatur im Krisenfall

Journées Littéraires de Soleure, 16 mai 2015, au Landhaussaal

Ausgangspunkt jeder Literatur sind Konflikte. Wären Menschen eins mit sich und der Welt, hätten sie vielleicht nie zu erzählen begonnen. Doch selten führt die Erzählung über den Konflikt hinaus oder vermag ihn gar zu lösen. Was leistet die Literatur im Krisenfall?

  

Acht Autorinnen und Autoren deutscher oder französischer Sprache wurden eingeladen, mit literarischen Mitteln einen «Vorstoss» zu formulieren, der sich auf einen politischen Konflikt bezieht.

Im Gespräch mit Cédric Wermuth, Nationalrat und Co-Präsident der SP Aargau, und unter der Leitung von Corina Caduff diskutierten die Autorinnen und Autoren über die Möglichkeit, politische Konflikte mit den Mitteln der Literatur erfassbar, mitteilbar, gestaltbar zu machen.

Eingeladen haben Adi Blum und Guy Krneta, Vorstandsmitglieder von «Kunst+Politik».
In Zusammenarbeit mit den Solothurner Literaturtagen.


Ruth Schweikert

Aus dem Roman »Wie wir älter werden«

[Ruth Schweikert hat sich kurz vor der Lesung entschlossen, einen anderen Ausschnitt zu lesen. Der gelesene Text wird hier später mitgeteilt.]


An der Wand hinter Dr. Bezgiavs Schreibtisch hing das Schwarzweiß-Foto eines Kajütenbetts, dessen untere Etage er mehr als sechs Jahre lang bewohnt hatte; er drehte sich vom Rücken auf den Bauch und wieder zurück; er hockte im Schneidersitz auf der Matratze und rollte sich zum Einschlafen auf die rechte Seite, die Beine angewinkelt, den Oberkörper zusammengekrümmt, die Hände an die Lippen gepresst wie einst als Fötus im Bauch seiner Mutter. Sie waren meistens zu acht im Zimmer und manchmal zu zehnt; das Asylbewerberheim lag beinahe idyllisch, am Stadtrand von Winterthur; ein ausrangiertes Industriegebäude, in dem rund hundertzwanzig Menschen vorübergehend in einer prekären Gemeinschaft lebten; Männer, Frauen und Kinder, halbierte, Zweidrittel-, Vierfünftel- und ein paar ganze Familien, die alle auf einen Entscheid warteten, die eigenen und die Ausdünstungen ihrer Bettnachbarn in der Nase, ihre Gesichter vor Augen, ihre Atemgeräusche in den Ohren, durchbrochen von dumpfen Gesprächsfetzen, die nahtlos in lautstarken Streit übergingen oder in kindliches Weinen, in Gelächter zuweilen.

Nach dreizehn Monaten kam der erste Brief, den einer der Betreuer für ihn öffnen musste, weil seine Hände nicht aufhörten zu zittern: abgewiesen, aber vorläufig aufgenommen, so der Entscheid; und Timur erinnerte sich, dass er einen Schrei ausstieß, der seine ganze Anspannung löste; und dann lachte er, als hätte er die Absurdität seiner Lage erst jetzt begriffen, dass sein weiteres Schicksal nicht in Gottes Allmacht lag, sondern in den Händen von Menschen, die ihm ebenso unbekannt waren wie er ihnen. Die vorläufige Aufnahme, eine unsagbare Erleichterung zunächst, verwandelte sich in ein perpetuiertes Provisorium, das sich über fünfeinhalb Jahre erstreckte, in denen Timur Bezgiav sich morgens wusch und abends seinen Eintopf aß, den er zuvor in der stets überfüllten Gemeinschaftsküche gekocht hatte, Reis mit Gemüse und ein wenig Fleisch. In den langen Stunden dazwischen las er sich durch die herumliegenden Gratiszeitungen, indem er sie Wort für Wort übersetzte, mit Hilfe eines deutsch-russischen Wörterbuchs, das er wie nebenbei praktisch auswendig lernte; er wusch seine Kleider und versorgte die wechselnden Wartesaalmitbewohner mit medizinischem Rat. Schließlich erreichte er sogar, dass er an der Uni Zürich sein Medizinstudium fortsetzen und abschließen konnte. Als er im Frühjahr 2008 fast wider Erwarten die ersehnte Aufenthaltsbewilligung B bekam, um die er sich mit allen Mitteln bemüht hatte, sprach er ein beinahe perfektes Deutsch, mit starkem Akzent zwar, aber korrekter Grammatik und verblüffend differenziertem Wortschatz. Kurz darauf trat er seine erste bezahlte Stelle an als Assistenzarzt im Kantonsspital Saanau, wo er Friederike schon bei der zweiten Einlieferung mit Namen begrüßte und der Oberärztin ihre Krankengeschichte auswendig präsentierte. Dreieinhalb Jahre später konnte er den frei gewordenen Platz in einer modernen Gruppenpraxis im Stadtzentrum übernehmen, und mittlerweile verdiente er genug, um die kleine Familie zu ernähren, die er sich ausmalte, wenn er an Donnerstagnachmittagen die Praxis etwas früher verließ und wie zufällig am nahen Primarschulhaus vorbeispazierte. Längst hatte er seiner Mutter, die noch immer allein in Grozny lebte, zehnfach zurückbezahlt, was er ihr in jener schwülheißen Julinacht entwendet hatte; mehr als das, er unterstützte sie regelmäßig, obwohl er wusste, dass sie das Geld nicht anrührte, sondern es, eingenäht in den Saum ihres besten Winterkleides, aufbewahrte für seine Rückkehr.

Kaum hatte es geläutet, stießen die ersten Kinder die schwere Holztüre des klassizistischen Gebäudes auf und machten sich auf den Heimweg, zu zweit die meisten oder zu dritt, heftig diskutierend und gestikulierend, dass ihre bunten Tornister auf- und abhüpften. Der dickliche Junge kam erst, wenn der Pausenplatz sich geleert hatte; er nahm seine Brille ab, deren linkes Glas mit einem Stück Stoff abgedeckt war, und ging mit gesenktem Kopf auf eine große Frau zu, die das Gesicht des Jungen kurz an ihr Kostüm drückte, bevor sie ihn am Arm fasste und ihn mit schnellen Schritten hinter sich herzog, bis sie bei einem blauschwarzen BMW angelangt waren, dessen getönte Scheiben an einen Leichenwagen erinnerten. Timur träumte öfter von diesem Jungen; er war sich sicher, auch und gerade ein solches Kind lieben zu können; seine einzige Schwierigkeit war, dass es keine passende Frau für ihn gab; schon seiner Mutter zuliebe kam nur eine Tschetschenin in Frage, die sich in der Schweiz, so befürchtete er, völlig verloren fühlen würde. Von Zeit zu Zeit trafen sich an die hundert Exil-Tschetscheninnen und Tschetschenen in einem Gemeinschaftszentrum zu einem geselligen Beisammensein; aber die Vorstellung, sich dort als mögliches Objekt zu präsentieren oder selber gezielt Ausschau zu halten nach einer Frau, in die er sich verlieben könnte, schreckte ihn so grundlegend ab, dass er nach zwei halbherzigen Versuchen, genau das zu tun, nie mehr hinging. Und in sein Geburtsland zurückzukehren, das von einem hirnlosen Putin-Affen regiert wurde, wie er Jacques Brunold einmal darlegte, käme einer psychischen Selbsttötung gleich; ein Preis, den zu zahlen er noch weniger bereit war, als sich endgültig einzunisten in seiner Junggeselleneinsamkeit, in die zuweilen jäh die Hoffnung einschlug auf ein Wunder, das seine kategorischen Vorstellungen zu sprengen vermöchte.

Aus: »Wie wir älter werden», Frankfurt/M. 2015.


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