Littérature en cas de crise
Literatur im Krisenfall

Journées Littéraires de Soleure, 16 mai 2015, au Landhaussaal

Ausgangspunkt jeder Literatur sind Konflikte. Wären Menschen eins mit sich und der Welt, hätten sie vielleicht nie zu erzählen begonnen. Doch selten führt die Erzählung über den Konflikt hinaus oder vermag ihn gar zu lösen. Was leistet die Literatur im Krisenfall?

  

Acht Autorinnen und Autoren deutscher oder französischer Sprache wurden eingeladen, mit literarischen Mitteln einen «Vorstoss» zu formulieren, der sich auf einen politischen Konflikt bezieht.

Im Gespräch mit Cédric Wermuth, Nationalrat und Co-Präsident der SP Aargau, und unter der Leitung von Corina Caduff diskutierten die Autorinnen und Autoren über die Möglichkeit, politische Konflikte mit den Mitteln der Literatur erfassbar, mitteilbar, gestaltbar zu machen.

Eingeladen haben Adi Blum und Guy Krneta, Vorstandsmitglieder von «Kunst+Politik».
In Zusammenarbeit mit den Solothurner Literaturtagen.


Yari Bernasconi

Cinque cartoline dal fronte (intorno a Ponte Tresa)


Dicono guerra e io guardo il lago
appena mosso. Lo specchio di cielo
fra Italia e Svizzera, nel tepore del sole
che arriva. Gli eroi sono altrove:
niente sanno di queste vite assembrate
negli abitacoli e nel traffico, in mezzo a polveri
sospese. Le giornate che si stringono
fra due diverse e sempre uguali indifferenze.
Non direbbero guerra, se potessero.

*

Qualcuno vorrebbe capire e riconoscere
un tratto distintivo, ma è subito sconfitto:
la piccola stazione risponde solo
di una folla disordinata, di sguardi
che cercano in luoghi dispersi
o inaccessibili. Discretamente e forse
con un po’ di vergogna. Il resto è un lento
transitare oscillante: chi scende dal vagone,
chi aspetta, chi aiuta un anziano a salire.

*

Non ci sono stendardi e grandi mitologie
da rianimare. Solo piccole sofferenze,
sacrifici comuni. Sono tutti superstiti,
qui, dove i sentieri s’intrecciano sotto il verde
di boschi fitti e poco spettacolari.
Colline uguali, forse monti, e il fiume
abbandonato dalle anguille, più in basso.
Non ci sono trincee, ma sempre più profondo
è il solco dell’odio, delle finte incomprensioni.

*

Verso Luino le strade non crollano,
non lasciano voragini aperte sopra il buio.
Solo gli smottamenti danno scosse leggere
alle curve e ai profili delle rocce. Le storie
di contrabbando sbiadiscono lontane:
auto svizzere e italiane attendono al semaforo
che è sempre rosso all’entrata del tunnel.
Poco dopo, dov’è il tornante pericoloso,
fiori di plastica si sciolgono al sole.

*

Attraverso la striscia d’acqua dolce
fra Caslano e Lavena, dove i pesci
sembrano rallentare, un ragazzo raggiunge
l’altra riva e schiamazza. Ma se ritorni
domani o dopo, quando il velo di pioggia
nasconde il cielo, vedi gli alberghi cupi e inabitati
e le case svuotate, mentre su è solo monte,
strapiombo. Senti l’ansia dell’inizio, e più forte
la paura di un’altra, nuova fine.

_________________________

Traduction française

Fünf Postkarten von der Grenze (um Ponte Tresa)

Übersetzung von Julia Dengg

Sie sagen Krieg und ich schaue zum See
kaum gekräuselt. Der Spiegel aus Himmel
zwischen Italien und der Schweiz, in der milden Sonne
die kommt. Die Helden sind anderswo:
Nichts wissen sie von den sich sammelnden Leben
in den Autos und dem Verkehr, mitten im stehenden
Staub. Die Tage, die sich zwängen zwischen zwei
verschiedene und immer gleiche Gleichgültigkeiten.
Sie würden nicht Krieg sagen, wenn sie könnten.

*

Mancher möchte verstehen, einen unterschiedenen
Zug erkennen, doch gleich unterliegt er:
Der kleine Bahnhof antwortet nur
mit einer ungeordneten Menge, mit Blicken
die an verstreuten oder unzugänglichen
Orten suchen. Verhalten und vielleicht
ein wenig verschämt. Der Rest ist ein langsames
wechselndes Passieren: Einer steigt aus dem Waggon
einer wartet, einer hilft einem Alten einsteigen.

*

Da gibt es keine Standarten und großen Mythologien
wiederzubeleben. Nur kleine Leiden
gewöhnliche Opfer. Alle haben überlebt
da, wo die Wege sich kreuzen unter dem Grün
der Wälder, dicht und wenig spektakulär.
Gleiche Hügel, Berge vielleicht, und der Fluss
verlassen von den Aalen, weiter unten.
Da gibt es keine Schützengräben, doch immer tiefer
ist der Spalt des Hasses, des fingierten Unverständnisses.

*

Richtung Luino stürzen die Straßen nicht ein
lassen keine offenen Schluchten über dem Dunkel.
Nur die Muren versetzen den Kurven
leichte Stöße und den Felsfronten. Die Geschichten
von Schmugglern verlöschen fern:
Schweizer und italienische PKWs warten an der Ampel
die immer rot ist an der Tunneleinfahrt.
Wenig weiter, wo die gefährliche Kehre ist
schmelzen Plastikblumen in der Sonne.

*

Über den Streifen aus sanftem Wasser
zwischen Caslano und Lavena, wo die Fische
sich zu verlangsamen scheinen, erreicht ein Bub
das andere Ufer und kreischt. Doch wenn du wiederkommst
morgen oder später, und der Regenschleier den Himmel
versteckt, siehst du dunkle, unbewohnte Gasthöfe
und leere Häuser, während oben nur Berg ist
Überhang. Du spürst die Angst vor dem Anfang und
noch stärker, die Angst vor einem anderen, neuen Ende.


_________________________

Cinq cartes postales du front (autour de Ponte Tresa)

Traduction de Véronique Volpato (1,2,4)

C’est de guerre, qu’ils parlent, et je regarde le lac
à peine agité. Ce miroir de ciel
entre Italie et Suisse, dans la tiédeur du soleil
qui arrive. Les héros sont ailleurs :
ils ne savent rien de ces vies rassemblées
dans les habitacles et dans le trafic, au milieu des poussières
en suspension. Des journées qui se resserrent
entre deux indifférences distinctes et toujours pareilles.
Ils ne parleraient pas de guerre, s’ils le pouvaient.

*

A vouloir comprendre et reconnaître
un trait distinctif, on doit s’avouer vaincu :
la petite gare n’a pour toute réponse
qu’une foule désordonnée, des regards
qui cherchent, dans des lieux épars
ou inaccessibles. Discrètement, et peut-être
avec un peu de honte. Pour le reste, c’est la lente
oscillation du transit : l’un descend du wagon,
l’autre attend, l’autre encore aide un vieux à monter.

*

Vers Luino les routes ne s’effondrent pas,
elles n’ouvrent pas de gouffres, béants par-dessus le noir.
Les glissements de terrain donnent seuls quelques légères secousses
aux virages et aux contours des rochers. Les histoires
de contrebande s’estompent, lointaines :
les voitures, suisses et italiennes, attendent au feu
toujours rouge à l’entrée du tunnel.
Un peu plus loin, au tournant dangereux,
des fleurs en plastique fondent au soleil.


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Marica Bodrožić

Mut, Herz und offenes Denken

Ein Plädoyer für eine neue Kultur des Teilens


Unsere Welt befindet sich in einem Veränderungsprozess, den ich mit der Kraft der Kontinentalverschiebung in Verhältnis setzen möchte. Schon 1762 hatte Jean Jacques Rousseau geschrieben, der ursprüngliche Charakter der Völker verwische sich von Tag zu Tag. Heute ist keine Nation mehr in sich selbst abgeschlossen, und die Flüchtlinge, die in trauriger Regelmäßigkeit im Mittelmeer ertrinken, verweisen uns auf neue ethische Koordinaten und darauf, dass wir strenggenommen Menschlichkeit nur soweit für uns selbst beanspruchen können, wie wir fähig sind, sie konkret am Anderen zu leben. Aber wenn wir selbst bedürftig werden, hilft keine Mathematik, wir brauchen dann immer jemanden, der über sich hinauszugehen vermag. 

Empathie hat in unserer durchrationalisierten und auf Gewinnmaximierung ausgerichteten Welt keinen Platz. Eigentlich stört sie uns sogar. Seit Anfang 2000 sollen an die 24000 Menschen im Mittelmeer ertrunken sein. Das mare nostrum ist ein Massengrab. Mitgefühl ist den perfekt organisierten Menschen unserer Breitengrade wohl deshalb in hohem Maße lästig, weil es uns als Einzelne sichtbar macht, eine eigene Stimme verleiht und einen eigenen Platz in der Welt gibt. Das ist gefährlich für gehorsame Menschen, sie müssen innere Grenzen überwinden, um andere in ihrem Leiden überhaupt wahrnehmen zu können. Erst jetzt, nach einem neuen Unglück, bei dem an die 900 Menschen ertrunken sind, wird langsam etwas in unserer Empfindungswelt geöffnet. In deutschen Talkshows und Nachrichtensendungen hat es sogar Schweigeminuten für die Opfer gegeben. Wird sich jetzt etwas ändern?

Statt unsere äußeren Grenzen wie die Festung eines Gefängnisses (in dem auch wir, in dieser von uns selbst aufgestellten Logik, uns befinden und keine freien Menschen mehr sind) zu schützen, müssten wir unser Denken und Fühlen wenden und sehen, dass die weltweit sich bewegenden Massen von Flüchtlingen uns stündlich auffordern, neue Orte der Begegnung (nicht wieder »Vergegnung«!) zu erschaffen. Das können nur Menschen, die fähig sind, das eigene Leiden und das Leiden anderer zu betrachten. Offene Orte können und müssen aber am Anfang immer geistig sein, Literatur ist in diesem Sinne auch ein solcher Ort, aber ein innerer, der zunächst »nur« in der inneren Zeit wirksam ist. Literatur stiftet Bewusstsein, sie ist ein wilder, ungezügelter Ort und schöpft genau daraus ihre Kraft. Ein Mensch ist auch ein wilder Ort, der sich nicht gefangen nehmen lassen darf, auch das Fremdeste in ihm ist Mitteilung und Raum. Die funktionalen Nicht-Orte unserer Welt hingegen berauben uns unseren Mitgefühls, machen uns sogar zu reinem »Transit«, zum Kapitalträger ohne Gesicht (z.B. an Flughäfen, Bahnhöfen, wo wir für eine kleine Menge Wasser einen Betrag bezahlen sollen, der anderen anderswo für eine ganze Woche zum Leben reichen muss usw.). Orte, die vor dem Hintergrund der Flüchtlingspolitik einen Unterschied machen, könnten beispielsweise viele ohnehin leerstehende Anlagen sein, aber auch regionale oder städtische Vereinigungen, die eine Patenschaft (sozial, finanziell, kulturell) für Flüchtlingsfamilien und Kinder übernehmen. Warum nicht an einen auf internationaler Ebene fungierenden Solidaritätszuschlag denken?

Wer hilft, muss sich aber auch selbst helfen lassen. Als meine Schwiegeroma Marie im Alter von 102 Jahren von Bremen nach Berlin umzog und in einem Pflegeheim auf fast ausschließlich Ex-Jugoslawen traf, begriff ich, dass die meisten von ihnen wohl einst Kriegsflüchtlinge waren. Sie verständigten sich schon längst im Berliner Dialekt, während Marie Deutsch mit rätselhaft hanseatischen Einschlag sprach. Den Pflegekräften wurde nach ihrer Flucht die Chance zuteil, eine Ausbildung an ihrem neuen Lebensort zu machen, aber auch den bedürftigen Menschen und ihren Angehörigen ist durch sie ein Geschenk zuteil geworden. Warum haben wir Scheu, Flüchtlingen (wenn sie das auch selbst wollen) eine solche oder ähnliche und andere Ausbildungen oder Arbeit anzubieten, die oft von den Einheimischen gar nicht mehr ausgeführt wird – beispielsweise in vielerorts aussterbenden und so wichtigen (hinzu würdevollen) Handwerksberufen? Ganz nebenbei würden wir sogar vielen sozial zerstörerischen Fallstricken der Globalisierung entkommen. Warum erhalten wir Gesetze aufrecht, die nur Schaden anrichten, andere in noch größere Not stoßen, uns aber als die Stärkeren in diesem grausamen Spiel der Unmenschlichkeit positionieren?

Jede Gesellschaft braucht an bestimmten Stellen Erneuerung von »Außen«, hier wären alle Beteiligen gleich »Innen«. Ein europäischer Marshall-Plan für Flüchtlinge könnte die Betroffenen gezielt in bestimmte europäische Regionen leiten, die dort Hilfe bekommen oder selbst helfen können, wie das in einem fast ausgestorbenen kalabrischen Dorf namens Riace der Fall war, in dem viele Häuser leer standen und dem Flüchtlinge zu neuer Blüte verholfen haben. Wenn wir marode Banken retten können, dann doch erst recht Menschen! Das erfordert auf beiden Seiten mutige Denkende, Realisten genauso wie Visionäre. Wobei Denken und Sprechen, Kunst und Literatur auch ein Handeln ist. Literatur ist eine kostbare Brücke im Gedächtnis der Welt. Ihre Kraft ist die Sprache. Die kühle politische Management-Sprache muss als erste einer empathischen Sprache der Begegnung weichen. Der Anfang hierfür ist, die in Not Geratenen nicht mehr als Störenfriede und Gegner unseres Wohlstands und unserer Ordnung anzusehen, sondern als Spiegelbilder unserer eigenen sozialen und seelischen Kälte, aber auch unseres Potentials, unserer Fähigkeit und Herzenspflicht, uns anderen in Not geratenen Lebewesen zuzuwenden.

Die Kulturanthropologin Heidrun Friese, die über die Bootsflüchtlinge von Lampedusa und die europäische Frage jahrelang geforscht und dazu eine bemerkenswerte Langzeitstudie veröffentlicht hat, spricht von der derzeitigen Flüchtlingspolitik als einem »eingespielten Grenzsystem« und sagt, der Ausnahmezustand sei längst zum Normalzustand geworden. Das fordere ein neues »Kontinuum von Geben und Nehmen« heraus. Es handelt sich hierbei um eine Zeit des supranationalen Denkens, in der alle Grenzen auch »Kontaktzonen« sind, in denen Fremdes und Eigenes seinen Platz behalten darf. Transnationale Wanderer haben aber seit jeher die Eingesessen gestört und, wie Friese eindrücklich zeigt, Vagabunden z.B. wurden bereits um 1500 regelrecht gejagt, auch Bettler und Müßiggänger waren den Eingesessenen ein Dorn im Auge. Dieser Zorn auf den Anderen, der immer auch zum bedrohlichen Fremden gemacht wird, spiegelt sich derzeit in Bewegungen wie der von Pegida in Dresden oder in jenem kürzlich niedergebrannten Flüchtlingswohnheim im ostdeutschen Tröglitz. Aber vielleicht zeigt uns gerade solcher Starrsinn, dass nur Menschen, die ein eingefrorenes Selbst haben, zu so etwas in der Lage sind. Und wir erst recht eine neue Kultur des Teilens etablieren müssen! Eine Kultur, die zwar auch politisch forciert werden muss, aber nicht nur dort, sondern vor allem im einzelnen Menschen gelebt wird. Wole Soynika hat davon gesprochen, dass Gewalt gegen ein Mitglied der menschlichen Gesellschaft immer ein Gewaltakt gegen die gesamte Menschheit ist. Etwas ähnliches steht schon seit Urzeiten im Talmud. Der Weg des Lebens ist unsere eigene Wahl, recht besehen haben wir gar keine andere. Wir sind nie unserer eigenen Menschlichkeit näher als in Momenten des Teilens und des Gebens. Literatur, erzähltes Leben, spiegelt uns unser eigenes Bewusstsein. Leider reicht das nicht an sich aus, wenn sie im Einzelnen nichts verwandelt und wir nicht an der Stelle eines gierigen Ichs ein souveränes Selbst formen, ein Selbst, das die Angst und den Gehorsam in sich befragt hat und offen ist, weiter zu denken, so, wie es etwa im kalabrischen Dorf Riace der Fall war, das »illegale Immigranten« (kann ein Mensch illegal sein?) mit offenen Armen empfing und sich so von einer Geisterstadt in einen florierenden Ort der Gastfreundschaft verwandelte. Man hatte den Einwohnern seitens der Politik eingetrichtert, Kriminalität und Verlust der eigenen Identität würden die Folge ihrer Revolte sein. Aber das, so beschreibt es anschaulich der Kulturkritiker und Psychoanalytiker Arno Gruen, trat keineswegs ein. Das Gegenteil war der Fall: »Durch die Entschlossenheit ihres Bürgermeisters Domenico Lucano,« heißt es bei Gruen, »der dem autoritätsgläubigen Gehorsam trotzte und auf das Menschlichsein seiner Mitbewohner pochte, blühte seine Gemeinde wirtschaftlich und gesellschaftlich wieder auf. Mut, Herz und offenes Denken sind die Kräfte, die den Gehorsam besiegen.« Ein neues inneres Sehen ist möglich. Sehen ist Bewusstsein. Und daraus erwächst ein zuvor undenkbar erscheinendes anderes Handeln.


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Martin R. Dean

Eine andere Sprache


Sehr geehrter Bundesrat und Bundesrätinnen,
Sehr geehrte Parlamentarier und Parlamentarierinnen,
sehr geehrte SRG Direktion und Bildungsdirektoren,

die täglichen Schreckensmeldungen von Ertrinkenden im Mittelmeer treffen mit einer zunehmenden Ablehnung der Flüchtlinge hierzulande zusammen. Im Frühjahr 2015 meldete das GFS Institut in Bern, dass 10 % der Schweizer Bevölkerung eine rassistische Grundeinstellung haben. Diese irritierende Zahl wäre höher, gäbe jeder Befragte offen über seine Abneigung oder über seine islamophoben Ansichten Auskunft. Während also immer mehr Flüchtlinge zu uns wollen, verbreitet sich eine panische Angst vor ihnen und das Bedürfnis nach mehr Abschottung erfasst ganze Nationen. Vergessen geht dabei, dass sich unser Wohlstand auch einem globalisierten Markt mit teilweise unmenschlichen Arbeitsbedingungen verdankt, die die Menschen erst in die Flucht treiben.

Wie Sie weiss auch ich um die Befürchtung, dass die eignen Lebensbedingungen durch einen zu starken Zustrom von Flüchtlingen Schaden nehmen könnten. Wie begründet diese Angst ist, sei dahingestellt. Fremdenangst aber ist keine Naturtatsache. Die Sorge, dass das Klima in unserem Land durch die Bewirtschaftung dieser Angst weiter angeheizt wird, muss auch Ihre Sorge sein. Denn igelt man sich im Eigenen ein, werden einem die anderen erst recht fremd. Die Mentalität der Selbstverbunkerung macht aus den Flüchtlingen – und wie wenigen gelingt die Aufnahme in unser Land! – eine Landplage, eine infektiöse Gruppe, die man nirgends unterbringen will. Die meisten Eingewanderten schaffen zudem den Eintritt in die mit Traditionen zugestellte Schweizer Gesellschaft so oder so nicht.  Die Zahlen der Lehr- und Schulabschlüsse, die Arbeitsmarkt- und Vermögensverhältnisse zeigen dies deutlich.

Erlauben Sie mir, angesichts des durch die Flüchtlingskrise verschärften Klimas der Angst und Ablehnung auf eine Verantwortung hinzuweisen, die uns alle betrifft. Sie und ich wissen, dass die Ablehnung des Fremden in unserem Land eine lange Geschichte hat und nicht nur die Flüchtlinge, sondern auch jenen Teil der Schweizerischen Bevölkerung mit erkennbar ausländischen Wurzeln trifft, also fast ein Drittel. An sie ergeht seit einem halben Jahrhundert die Forderung nach Assimilation, nach mehr Integration. Möglichkeiten aber, wie sich die Einheimischen positiv befremden lassen könnten und auf die Zugewanderten zugehen, wurden nie als Empfehlungen verabschiedet. Während die offizielle Politik und auch ein grosser Teil der Medien die Fremdenangst »versteht«, praktizieren die selbsternannten Retter der Nation, die niemand anderen als ihresgleichen akzeptieren, immer perfekter das Geschäft der Diskriminierung. Sie stellen Fremdheit her, statt diese zu vermindern, sie dämonisieren das Andere, statt es als Teil von sich und der Welt zu sehen.

Die täglichen Ausgrenzungen verlaufen mitten durch die Gesellschaft, auch durch unsere. Die Geschichte des eingewanderten Nigerianers John A., die unlängst in der ZEIT nacherzählt wurde, zeigt dies deutlich. John A. wurde aufgrund eines vermeintlich gefälschten Führerausweises angezeigt und gebüsst, er wurde das Opfer jahrelanger Schikane durch die Behörde, die sein Leben zu ruinieren drohte. Seine schwarze Hautfarbe stellte ihn unter Generalverdacht und raubte ihm jede Glaubwürdigkeit. Er war unschuldig, sein Name und seine Hautfarbe waren sein Schicksal. Das passiert, wenn Schwarze nur über Kriminalstatistiken in den Blick der Medien kommen.
Diese »stille Apartheid« (ein Begriff des französischen Premierministers Manuel Valls), seien wir ehrlich: wir kennen sie alle.  Sie beginnt bei der Wahl des Zugabteils (dunkelhäutige Männer sitzen immer allein, so lange der Zug nicht voll ist), sie geht weiter bei der Wohnungs- und Stellensuche und frisst sich in die Ausbildungschancen der Kinder. Als Lehrer weiss ich, dass Ausgrenzungen gerade bei Jugendlichen einen Knicks in der Biografie erzeugen, einen Makel des Scheiterns und ein Lebensgefühl, das ins Haltlose gleiten kann. Dadurch werden Menschen geschädigt und wird Gewaltbereitschaft erzeugt. Statt Integration, Lernförderung, Nachteilsausgleich und interkulturelle Pädagogik zwingen die Kantone aber die Schulen zum Sparen.

Die Schweiz ist ein Einwanderungsland ohne Einwanderungspolitik. Bis jetzt hat sie Integration nur als Einbahnstrasse verstanden, als Bringschuld der Heimatverlorenen, denen die Aufnahme nur mit grossen inneren Anpassungsleistungen gewährt wird. Kein Bleiberecht im Paradies ohne Unterwerfung unter die Leitkultur. Mit der Wiederbelebung urschweizerischer Mythen, mit der Verwandlung des Landes in ein Ballenbergmuseum, mit der Reduzierung von Schweizer Geschichte zu einer Endlossage von Rechtschaffenheit, Ehrlich- und Redlichkeit, werden immer neue Instrumente der Ausgrenzung geschaffen. Neunzig Prozent der eingewanderten  Bevölkerung sind bestens integriert und spüren dennoch immer wieder die Zurückweisung. 

 Zur Schaffung einer Willkommenskultur, sehr geehrte Politiker und Medienschaffende, braucht es nicht nur den Abbau von strukturellem Rassismus und mehr Barrierefreiheit für die Zugewanderten in die Institutionen. Es braucht auch andere Bilder und eine andere Sprache für die Eingewanderten. Die Politik könnte von den Schulen lernen, in denen in jeder Klasse eine Handvoll Jugendlicher sitzt, die den Schrecken der Entwurzelung in sich tragen. Die Politiker und Politikerinnen könnten die Erzählung von der grossen Diaspora hören, um sie dem Volk weiter zu erzählen. Auch die Literaten schreiben andere Geschichten vom Fremden und vom Fremdsein. Nur so gelingen auf die Dauer andere Begegnungen mit den Eingewanderten. Eine Sprache, die nur verwaltungstechnisch redet und rechnet – und wann reden Schweizer Politiker und Politikerinnen anders über das »Flüchtlingsproblem« und über »Ausländer« – macht die Ankömmlinge gerade noch einmal zu Fremden.
Wir brauchen einen Perspektivenwechsel in diesem Land, einen anderen Blick auf die Immigration. Wir brauchen einen farbigen Nachrichtensprecher, denn die Nachrichten tönen anders aus seinem Mund. Eine Seconda im Bundesrat, mehr Eingewanderte in Polizei und Verwaltung; Kurse für die Einheimischen, in welchen sie lernen, sich mit dem Fremden zu befreunden –zumindest in diesem Bereich ist die Wirtschaft demokratischer und emanzipierter.

Eine Selbstpolitik, die das Andere in sich tilgt, wird an den Bildern ertrinkender Flüchtlinge ruchbar: die Katastrophen flimmern völlig abgetrennt von ihren Ursachen über den Bildschirm, als gingen sie uns nichts an. Für das Mitgefühl fehlt uns ein Organ, das über die Identifikation mit Unseresgleichen hinausginge. Diese die Hände über dem Kopf zusammenschlagende Nichtbetroffenheit aber wendet sich früher oder später auch gegen das Eigene, wenn es nicht mehr gleich genug ist. 
Die Austreibung des Fremden, habe ich in meinem Buch »Verbeugung vor Spiegeln« geschrieben,  bringt kein Heil, nicht mehr Vertrautheit und nicht mehr Gerechtigkeit; sie beraubt uns zuletzt nur der Fähigkeit zur Toleranz. Sie nimmt uns ein Rätsel, eine Dimension der Erfahrung weg, die im Staunen, in der Überraschung oder im Schock ihren Ausdruck findet. Und in der Verwandlung. Die Schweizer und Schweizerinnen brauchen einen Perspektivenwechsel, eine Selbstverwandlung, sonst fehlt ihnen die Zukunft.


Martin R. Dean (soeben erschienen: Verbeugung vor Spiegeln. Jung und Jung Verlag)


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Pedro Lenz

D Meinig säge


Isch do no frei?
Isch do no frei?
Isch do no frei?
froge d Lüt im Zug,
froge d Lüt ir Beiz,
froge d Lüt im Bus,
isch do no frei?
isch do no frei?,
dir entschuudigung,
sorry, excüse,
isch ächt do näb öich
no chli öppis frei?

Es antwortet chuum öpper,
es antwortet niemer,
es luege numen aui
aui luege nume,
geischtesabwäsend,
glängwiilet, gnärvt,
und chli verärgeret drüber
dass öpper se frogt,
dass öpper se stört,
dass öpper i d Nöchi,
dass öpper näbe sie,
dass öpper zu ihne
wett go hocke,
näben ihne  dört häre,
wo si äxtra e Jagge,
wo si äxtra e Täsche,
hei häregleit ir Hoffnig,
es bliibi e freie Platz

Aber jetz frogt öpper,
wett öpper Platz näh,
das private Plätzli iinäh,
das chliine, freie Plätzli,
wöus süsch niene Platz
und sowieso wenig Platz,
ender zwenig,
zwenig Platz
uf der Wäut
und im Land
und im Zug
und überhoupt.

Isch do no frei?
Isch do no frei?
Isch do no frei?

Me seit nid jo,
me seit nid nei,
me luegt us em Fänschter,
me luegt i ne Zitig,
me luegt i nes Handy
me luegt a Boden und hoffet,
hoffet chli der anger,
dä wo grad frogt,
frog öpper angers,
frog nöimen angers,
göng ändlech witer,
göng und löng
löng eim in Rueh,
göng und stöng,
stöng us em Liecht
und göng wit furt,
fing nöimen angers
für sich en angere Platz.

Mir hei üsi eigete Sorge,
üsi eigete Gedanke,
jede sini eigete
ganz allei für sich
und ig, i ha hütt am Morge,
scho drü Telefon gha,
scho drü Sigerette gha,
scho drü Tasse Kafi gha,
scho drü Läserbriefe gläse.

Es si Läserbriefe vo Lüt,
wo sech drüber beschwäre,
dass me neuerdings
z Zofigen ire Drogerie
föif Rappe, föif Rappe
für nes Plastiggsäckli
sig so ne e Souerei, sig das
föif Rappe für öppis,
wo früecher aube,
immer eifach gratis,
e Riesesouerei sig das
e fertigen Abriss und d Zitig
het en Umfrog gmacht,
en Online-Umfrog,
ob di Drogerie dörte z Zofige
für so nes Plastiggsäckli
föif Rappe dörf verlange
oder ender lieber nid.

Isch fasch unentschiede,
ds Ergäbnis vor Umfrog,
fasch unentschieden,
aber d Houptsach,
me hets dörfe säge,
me hets chönne säge,
het chönne partizipiere,
het chönne voute,
vo Rorschach bis Oute,
hei aui, aui dörfe voute.

Me het chönnen und dörfe
online drüber abstimme,
e Meinig aaklicke,
das het guet to,
chli abstimme,
chli d Meinig üssere
chli Luft abloh,
chli Dampf abloh,
do simer aui froh,
es isch doch so,
i säges jo.

Das isch ds Wichtigschte,
uf das chunnts aa,
dass me d Meinig,
di eigeti Meinig,
no cha säge, usdrücke,
di eigeti Meinig kundtue,
mir, ds Vouk,
mir, d Stürzahler,
mir, d Schwizer,
mir, d Eidgenosse
üsi Meinig säge
üsi Meinig useloh
üsi Meinig ungerstriiche
üsi Meinig aaklicke,
bi de Plastiggsäckli-Priise,
oder öppe bir Frog,
ob me mit em Wätter
im letschte Monet
im Grossen und Ganze
ender zfriden oder ender
nid so zfride sig gsi.

Jo oder nei sägen und
faus mes nid weiss,
het me süsch ou no
d Glägeheit,
weiss nicht / keine Meinung
aazklicke.

Weiss nicht / keine Meinung
d Plastiggsäckli föif Rappe?
weiss nicht / keine Meinung.
Di Bilaterale mit der EU?
weiss nicht / keine Meinung.
Früechänglisch im Chindergarte?
weiss nicht / keine Meinung.
Di zwöiti Gotthardröhre?
weiss nicht / keine Meinung.
Bewaffneti Bodetruppe schicke?
weiss nicht / keine Meinung.
Cola Light oder Cola Cero?
weiss nicht / keine Meinung.
Isch dä Platz no frei?
weiss nicht / keine Meinung.

I ha ke Meinig,
aber i ha se chönne kundtue,
i has dörfe mitteile,
i ha chönne d Meinig säge.

Het guet to wieder einisch,
säge, was me no nid dänkt,
säge, was me nid weiss,
säge, was me sech nid überleit,
säge, was me nid verschteit,
säge, was me nid ertreit.

Aber gseit muess es si,
wenigschtens anonym,
wenigschtens per Muusklick,
d Meinig, d Meinig, d Meinig,
üsi grossi, bedüttendi,
unverzichtbari
eigeti Meinig.

Tuet guet,
macht Fröid,
isch schön,
git Chraft,
stöut uf,
einisch d Meinig säge,
d Meinig zur Meinigsfreiheit,
di löh mer nis nid ou no lo näh,
nid mir, mir nid.

Weiss nicht / keine Meinung.

Und i de Zitige
cha men ou no läse,
im Wallis heig e Wouf
es paar Schoof grisse,
gäg ne Wouf heige Schoof,
überhoupt ke Chance.

Und öpper meint,
die Affe vom WWF
sige Schoofseckle,
aui Woufs-Fründe
sige Schoofseckle
säge d Schoofhirte
im Wallis äne.

Weiss nicht / keine Meinung.

Isch do no öppis frei?

Nid für e Wouf,
nid für e Bär,
nid für d Eritreer,
süsch chönt jo jede cho,
chönnt jo do jede meine,
är müess ou no cho,
müess ou no do
cho mitrede,
cho Schoof risse,
cho härehocke,
cho ne Meinig ha.

Weiss nicht / keine Meinung.

Isch do no frei?
Isch do no frei?
Isch do no frei?
froge d Lüt im Zug,
froge d Lüt ir Beiz,
froge d Lüt im Bus,
isch do no frei?,
dir entschuudigung,
sorry, excüse,
isch  ächt do no
öppis frei näb öich,
zwüschen öich,
i öich inne?


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Jérôme Meizoz

Paix et prospérité !


«Donateurs, associés, comptables et financiers, à votre santé !», proclamaient les banderoles tendues dans l’immense salle des Fêtes, placée sous la protection d’une armée d’hôtesses en tailleur qui avaient déjà servi au Salon de l’Auto. Pour le gala annuel donné par l’Entrepreneur à ses affidés, ses promoteurs et ses obligés, 7000 couverts avaient été dressés.
Tandis qu’on remplissait les verres, parvenaient des cuisines d’apaisantes odeurs de cochonnaille, et l’Entrepreneur-empereur ouvrait ainsi les festivités :

«Mesdames et messieurs, comptables et financiers, amis et ennemis, chers frères et sœurs,
Mon père a travaillé toute sa vie, il a créé sa petite entreprise, il s’est endetté, a lancé des produits, puis il s’est agrandi. Il avait une petite voiture, il en acheta une grande. Il fit venir des travailleurs étrangers très légèrement payés ; et si l’un d’eux râlait, hop, papa le renvoyait là d’où il venait. C’est à son coup de pied au cul qu’on reconnaît l’entrepreneur avisé, le leader créatif dont a besoin la société !
Quand j’y pense, papa, toi qui aimais tant la vie, tu as fini par te tuer au travail…
Comme j’aimerais être ton digne successeur, toi qui a âprement négocié tes marges et géré tes caisses noires ; toi qui a multiplié, de tes mains sales, l’argent qui m’a permis d’avoir l’air propre. Père, je ferai fructifier les talents que tu m’as reversés. Quand tu me manques, je me console en sussurant ta devise : “L’avenir appartient à ceux qui ont des ouvriers qui se lèvent tôt !”
Ce soir devant vous tous, je veux te remercier : papa, papounet, mon sacré paternel, même si tu étais buté comme une pierre et rude en affaires, c’est toi qui m’as tout appris, papa, papinet, les coulisses des bénéfices et l’art sagace de dissimuler les liasses. Car cet argent durement gagné, à la sueur de tes ouvriers nourris-logés dans d’anciens baraquements de chantier, cet argent, papa, l’Etat veut encore-toujours nous le ponctionner. A chaque feuille d’impôt j’enrage ; fiduciaires et banques j’engage, pour dispatcher mes comptes secrets, effacer ma traçabilité. La nuit je rêve de paradis fiscaux, d’îles vierges peuplées de bons notaires et de filles légères.
Oui, Mesdames et Messieurs, comptables et financiers, amis et ennemis, chers frères et sœurs, nous payons trop d’impôts ! L’Etat nous mange la laine sur le dos, il nous pompe le sang, nous suce la moelle, sous prétexte de transports publics, d’écoles et d’hôpitaux, qui ne nous servent à rien, puisque nos chers garçons, nos sacrés fripons, c’est dans le privé que nous les expédions ! Et nos malades dans des hôtels-cliniques interdits au public.
Le fisc nous harcèle, c’est un fait ! Mais ce soir, en finançant mon gala, ce sont 300 francs que vous placez au bon endroit. Votre argent ne sera pas mangé par une armée de fonctionnaires et, suprême cadeau, vous pourrez déduire ce banquet de vos impôts !
Du pain et des jeux, et que la plèbe nous foute la paix ! J’ai dit !»

Le discours achevé, tous se ruèrent sur les assiettes ; on n’entendait plus que le doux bruit du lard tranché et des verres qui s’entrechoquaient ; on trinquait aux dessous-de-table et aux retours d’ascenseur.

Sous les projecteurs, s’avancèrent soudain une danseuse demi-nue, un ex-conseiller fédéral vêtu en chevalier et un vigneron à peine sorti de prison. Ravis, épanouis, les politiciens papotaient, les comptables croassaient et multipliaient… En paix, tous ils s’empiffraient.
C’est alors que surgit le conseiller personnel de l’Empereur, un moustachu maigre et dégingandé, déguisé en curé. Devant son bienfaiteur attendri, il s’exprima ainsi :

«Sans vouloir gâcher la soirée, je ne peux me taire plus longtemps ! Ô grand César, tu cours en ce moment un terrible danger. Sur le forum, j’ai surpris Brutus, un sale gamin ultra-républicain, déclarant qu’après tant de chantiers semblables à des charniers, toi César, notre Entrepreneur-empereur, tu veux désormais le pouvoir pour toi seul ; que déjà dictateur à vie tu te fiches du peuple et de sa survie ; que toute une basse cour flatte tes excès et trinque à ton succès ; et que même le grand Cicéron te lèche les sandales. Brutus a poursuivi ainsi :

On demande pourquoi je me dresse contre César ? Préférez-vous César vivant et mourir esclaves ? ou César mort, et vous tous, vivre libres ? César a connu le succès, je m'en réjouis. Pour sa valeur, respect. Pour son amitié, mes larmes. Mais pour sa dangereuse ambition, la mort ! Qui parmi nous est assez vil pour accepter d'être esclave dans une patrie qui se prétend libre ? **
Aux Ides de Mars, le 15 dans vos agendas, nous rendrons à César ce qui est à César, à savoir vingt-trois coups de poignard. En me voyant au premier rang, il risque de gueuler une parole inoubliable comme : «Ah ! toi aussi, mon salaud !», mais cela ne m’arrêtera pas. J’ai la certitude d’agir pour la justice et la liberté. N’en avez-vous pas assez de vivre et penser comme des porcs ! Une fois mon geste accompli, je m’adresserai au peuple romain et lui rendrai son pouvoir, avant de rentrer dans le rang, citoyen parmi les citoyens.”

Oui, grand César, ce Brutus entraîne derrière lui un peuple indigne et dépourvu d’idées. Qu’on lui donne le pouvoir serait calamité. Ignare, il ignore jusqu’à ton si bon cœur. Alors qu’une seule de tes larmes vaut toute la sueur des foules. Vas-tu, Ô grand Entrepreneur, permettre qu’ainsi Brutus se défile ?»

C’était mal connaître l’Empereur que de le croire inquiet de ces nouvelles. Avec aisance, il sut ramener la paix dans les assiettes en quelques mots bien pesés :

«Pas de panique, mesdames, messieurs, chers frères et sœurs, j’ai dans la poche assez de financiers, pas mal de députés, et tous les avocats-notaires me saluent le front plat contre terre.
L’homme est né libre, et partout, zélé, il me sert !
Ces gens veillent jour après jour sur nos précieux accords et jamais ne laisseront la foule saisir de tels trésors. Voyez-vous comme le peuple nous remercie quand on lui laisse les miettes…
L’homme est né libre, et partout je remplis son verre !
Tel est le grand mystère de la science politique, mesdames, messieurs, le consentement des dominés à la domination, la collaboration des faibles à leur oppression. Et dieu merci, il n’est pas près d’être éclairci.
L’homme est né libre, et partout il jouit de ses fers !

Mais baste, assez parloté ! Place maintenant aux réjouissances, qu’une fois encore finance l’Association cantonale pour l’Evasion fiscale.
Il va sans dire que vous devez l’applaudir librement!
Et que la fête soit belle !
Comptables et financiers, à votre santé !
Fiduciaires de tous pays, bon appétit !»

________
** Shakespeare, Jules César, Acte III, scène 2.

«Selon que vous serez puissant ou misérable,
Les jugements de cour vous rendront blanc ou noir.»
(La Fontaine, Les animaux malades de la peste)


© Jérôme Meizoz, Journées littéraires de Soleure, 16 mai 2015 (rencontre Kunst & Politik). Thème choisi : la justice fiscale. Enjeu central en Suisse (Zoug?). La bourgeoisie a produit une classe de virtuoses du droit et de la comptabilité, capables de déjouer le fisc, même légalement. Affaires D. Giroud, J.-M. Cleusix, Ignace Rey, en Valais. Menaces réelles sur la démocratie.


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John Ralston Saul

In the aftermath of Charlie Hebdo


There can be no doubt: within the community of writers there is solidarity. Giving offence or taking offence is not an excuse for violence, to say nothing of murder.

But there is also confusion over what strategy to follow. How are we to shape events, rather than be shaped by them. That is essential. Ideologues, political extremists, populists, racists always attempt to create Manequian situations – Either or. With us or against us. Extremists flourish on two things – the illusion of clarity. And fear. Their purpose is to deny the possibility of consideration. The possibility of thought. Of complexity. They attempt to replace the possibility of humanism with the certainty of conflict.

One things is clear: everywhere in the world we see violence against writers. And it is getting worse.

Second, there is the big idea of free expression. PEN defends it absolutely – untrammeled freedom of expression. Since 1921. But we also believe strongly that it’s important not to produce hatred amongst people. A complex balance. It lies at the core of our Charter. After 94 years of standing up to autocrats, ideologies, extremists of every sort, advocates of prejudice of every sort, we know that this balance cannot be attached to a rule. There is no possibility of effective laws that will resolve this complexity.

Our reality is that on our list there are about 850 writers in prison or in danger. And some 200 journalists killed this year.

Third, the vast majority are not killed by Islamic extremists or any other form of religious extremism.

Who then kills and imprisons writers? Mainly governments, police, armies, corporations, organized crime. There are often strong links between these groups. There is often an unholy trinity of corruption, violence and impunity. Some governments hide behind religion, but what we are dealing with is authoritarianism protecting itself. And then, of course, there are also the religious extremist killers.

Fourth, humour is perhaps the most powerful tool we have. Anyone with power hates being made fun of. Throughout history humour has been the creative weapon of choice in times of crisis.

Fifth, humour is almost always local. Even provincial. What makes each of us laugh is a reflection of our particular civilization, society, reality, experience. What leaves one society bent over in laughter may leave another indifferent or confused or insulted. None of which justifies violence.

There are other complicating factors today. While humour remains local, technology transports it everywhere in an instant, as if it were universal. It isn’t.

And then there is the intense migration and immigration of our era. This can only work if societies embrace plurality as an expression of humanism. There is no defensive solution. Plurality is all about kids learning how to disagree as part of living together. All kids. The 19th century European idea of the monolithic nation state is over. Or pluralism will fail, with all that that implies.

Sixth, there is always a gun aimed at writers, but the target moves over time and from country to country. Today it is fixed on journalists.

*     *     *

Seven, beware any declaration of war on Islamic extremism. Remember, we also declared war on organized crime about 20 years ago, which ended with organized crime running a lot of banks. Then we declared a war on drugs, which ended in high comedy. Then we declared a war on terrorism, after the terrible events in New York, which has resulted in disorder and more terrorism.

Declaring war is an old fashioned Maginot line idea. Most western governments have a vague understanding of how this works. They call in not only the armies, but more important, the security services. They fall back on the old pre-democratic tool of the absolute monarchies – police methodology applied not to fighting criminals, but to understanding and controlling society.

This leads to laws limiting free expression in the name of public security. Security services in turn demand large budgets and many new jobs.

The result over the last 14 years has been an attack on freedom of expression in the West. And it has been done by our own governments. Not by the people we are supposedly at war with. Our governments and their security agencies have enthusiastically set about doing the job of the enemies of free expression.

So, yes, we have to deal with the macabre collection of reasons for which writers are being killed. We have to be very calm, very very tough, very very sophisticated. We have to go at it in a very precise way, which may have to do as much with education in our own schools as anything else. We have to rethink why these things are happening in Paris and Copenhagen. But also in Russia, Mexico, Honduras, China. And we must address the betrayal of free expression by most western governments.

Our job is to stand firm and to hold people to account, whether the president of a country, a self-interested security official, a religious fanatic or a corrupt leader working with organized crime. Our job to ensure that our defence of free expression demonstrates the possibility of living with free expression.


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Ruth Schweikert

Aus dem Roman »Wie wir älter werden«

[Ruth Schweikert hat sich kurz vor der Lesung entschlossen, einen anderen Ausschnitt zu lesen. Der gelesene Text wird hier später mitgeteilt.]


An der Wand hinter Dr. Bezgiavs Schreibtisch hing das Schwarzweiß-Foto eines Kajütenbetts, dessen untere Etage er mehr als sechs Jahre lang bewohnt hatte; er drehte sich vom Rücken auf den Bauch und wieder zurück; er hockte im Schneidersitz auf der Matratze und rollte sich zum Einschlafen auf die rechte Seite, die Beine angewinkelt, den Oberkörper zusammengekrümmt, die Hände an die Lippen gepresst wie einst als Fötus im Bauch seiner Mutter. Sie waren meistens zu acht im Zimmer und manchmal zu zehnt; das Asylbewerberheim lag beinahe idyllisch, am Stadtrand von Winterthur; ein ausrangiertes Industriegebäude, in dem rund hundertzwanzig Menschen vorübergehend in einer prekären Gemeinschaft lebten; Männer, Frauen und Kinder, halbierte, Zweidrittel-, Vierfünftel- und ein paar ganze Familien, die alle auf einen Entscheid warteten, die eigenen und die Ausdünstungen ihrer Bettnachbarn in der Nase, ihre Gesichter vor Augen, ihre Atemgeräusche in den Ohren, durchbrochen von dumpfen Gesprächsfetzen, die nahtlos in lautstarken Streit übergingen oder in kindliches Weinen, in Gelächter zuweilen.

Nach dreizehn Monaten kam der erste Brief, den einer der Betreuer für ihn öffnen musste, weil seine Hände nicht aufhörten zu zittern: abgewiesen, aber vorläufig aufgenommen, so der Entscheid; und Timur erinnerte sich, dass er einen Schrei ausstieß, der seine ganze Anspannung löste; und dann lachte er, als hätte er die Absurdität seiner Lage erst jetzt begriffen, dass sein weiteres Schicksal nicht in Gottes Allmacht lag, sondern in den Händen von Menschen, die ihm ebenso unbekannt waren wie er ihnen. Die vorläufige Aufnahme, eine unsagbare Erleichterung zunächst, verwandelte sich in ein perpetuiertes Provisorium, das sich über fünfeinhalb Jahre erstreckte, in denen Timur Bezgiav sich morgens wusch und abends seinen Eintopf aß, den er zuvor in der stets überfüllten Gemeinschaftsküche gekocht hatte, Reis mit Gemüse und ein wenig Fleisch. In den langen Stunden dazwischen las er sich durch die herumliegenden Gratiszeitungen, indem er sie Wort für Wort übersetzte, mit Hilfe eines deutsch-russischen Wörterbuchs, das er wie nebenbei praktisch auswendig lernte; er wusch seine Kleider und versorgte die wechselnden Wartesaalmitbewohner mit medizinischem Rat. Schließlich erreichte er sogar, dass er an der Uni Zürich sein Medizinstudium fortsetzen und abschließen konnte. Als er im Frühjahr 2008 fast wider Erwarten die ersehnte Aufenthaltsbewilligung B bekam, um die er sich mit allen Mitteln bemüht hatte, sprach er ein beinahe perfektes Deutsch, mit starkem Akzent zwar, aber korrekter Grammatik und verblüffend differenziertem Wortschatz. Kurz darauf trat er seine erste bezahlte Stelle an als Assistenzarzt im Kantonsspital Saanau, wo er Friederike schon bei der zweiten Einlieferung mit Namen begrüßte und der Oberärztin ihre Krankengeschichte auswendig präsentierte. Dreieinhalb Jahre später konnte er den frei gewordenen Platz in einer modernen Gruppenpraxis im Stadtzentrum übernehmen, und mittlerweile verdiente er genug, um die kleine Familie zu ernähren, die er sich ausmalte, wenn er an Donnerstagnachmittagen die Praxis etwas früher verließ und wie zufällig am nahen Primarschulhaus vorbeispazierte. Längst hatte er seiner Mutter, die noch immer allein in Grozny lebte, zehnfach zurückbezahlt, was er ihr in jener schwülheißen Julinacht entwendet hatte; mehr als das, er unterstützte sie regelmäßig, obwohl er wusste, dass sie das Geld nicht anrührte, sondern es, eingenäht in den Saum ihres besten Winterkleides, aufbewahrte für seine Rückkehr.

Kaum hatte es geläutet, stießen die ersten Kinder die schwere Holztüre des klassizistischen Gebäudes auf und machten sich auf den Heimweg, zu zweit die meisten oder zu dritt, heftig diskutierend und gestikulierend, dass ihre bunten Tornister auf- und abhüpften. Der dickliche Junge kam erst, wenn der Pausenplatz sich geleert hatte; er nahm seine Brille ab, deren linkes Glas mit einem Stück Stoff abgedeckt war, und ging mit gesenktem Kopf auf eine große Frau zu, die das Gesicht des Jungen kurz an ihr Kostüm drückte, bevor sie ihn am Arm fasste und ihn mit schnellen Schritten hinter sich herzog, bis sie bei einem blauschwarzen BMW angelangt waren, dessen getönte Scheiben an einen Leichenwagen erinnerten. Timur träumte öfter von diesem Jungen; er war sich sicher, auch und gerade ein solches Kind lieben zu können; seine einzige Schwierigkeit war, dass es keine passende Frau für ihn gab; schon seiner Mutter zuliebe kam nur eine Tschetschenin in Frage, die sich in der Schweiz, so befürchtete er, völlig verloren fühlen würde. Von Zeit zu Zeit trafen sich an die hundert Exil-Tschetscheninnen und Tschetschenen in einem Gemeinschaftszentrum zu einem geselligen Beisammensein; aber die Vorstellung, sich dort als mögliches Objekt zu präsentieren oder selber gezielt Ausschau zu halten nach einer Frau, in die er sich verlieben könnte, schreckte ihn so grundlegend ab, dass er nach zwei halbherzigen Versuchen, genau das zu tun, nie mehr hinging. Und in sein Geburtsland zurückzukehren, das von einem hirnlosen Putin-Affen regiert wurde, wie er Jacques Brunold einmal darlegte, käme einer psychischen Selbsttötung gleich; ein Preis, den zu zahlen er noch weniger bereit war, als sich endgültig einzunisten in seiner Junggeselleneinsamkeit, in die zuweilen jäh die Hoffnung einschlug auf ein Wunder, das seine kategorischen Vorstellungen zu sprengen vermöchte.

Aus: »Wie wir älter werden», Frankfurt/M. 2015.


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Ariane von Graffenried

BRÜSSEL


I sitze imene Japaner
dans la Rue Américaine z Brüssu
shared food concept
between the expats
quand une Espagnole me raconte en anglais
que quelques jeunes Espagnols émigrés
meurent de froid
dans les rues norvégiennes
u när seit eine uf Französisch:
«Fasch wi di usgsteute Afrikaner
z Brüssu ar Wäutusstellig im 58i.»

I hocke im Schoss vo de Eurokrate
dans les entrailles des eurocrates
u nime Sprachbeder en masse,
des bains de langues
parce que j’adore ça
obwou i se gar nid au versta di Sprache
u o nid di Sprachbeder
et ni les eurocrates.

U während im einte Egge so gredt wird,
gheit mir es usstärbends Fischli vom Stäbli
et à la deuxième tentative
verschwindets für immer i mim hedonistische Müüli
while in another table corner
they talk about austérité, policies and frameworks,
et je demande avec ma bouche
pleine de sushi, pleine de langues,
was das genau bedüti
et pourquoi on a toujours dit Merkozy et pas
Sarkel.

To be honest, I don’t give a shit about
their answer. I just wanna be part of this round
u wot Sprachbeder nä en masse,
des bains de langues
parce que j’adore ça
obwou i se gar nid au versta di Sprache
u o nid di Sprachbeder
ni les eurocrates.

Les eurocrates ont quitté leur pays
mais pour l’Allemand qui parle en anglais
isch DDR e heilsami Erfahrig gsi,
z merke, dass d Wahrheit nid wahr muess si,
but he deeply believes in Europe,
u i wot o dra gloube.
J’ai la nostalgie de la foi et du fois gras
entre mes lèvres pécheresses,
aber Gänsehäus mit Metaustange z plage
ghört verbotte im nöie Europa.

Though I’m not part of it,
nevertheless, je me baigne dans ses langues.
I nime Sprachbeder en masse,
touche ab,
j’adore les bains de langues
obwou i se gar nid au versta di Sprache
u o nid di Sprachbeder
ni d’ailleurs les eurocrates.

Churz han i mi verlore ir Struktur vor e Auge,
quand une Finlandaise dit en allemand
que la face de Facebook à Bruxelles s’appelle
Erika Mann.
U itz frag i mi, öb äch Lobbyischtinne
di bessere Schriftsteuerinne für Europa si,
u merke, dass i es zimlechs Gstürm im Gring ha
u o zimlech eine ar Chappe, alors
je demande à l’assemblée,
was de e gueti Eurokratin usmachi.
Et un Lituanien me répond en flamand:
«To think logically in several languages.»

U i dänke, i däm Fau geit das no Jahre
till I’m part of this shared food concept.
I tünkle roue Fisch i Sojasosse
et je me demande s’il se sent comme moi
dans son bain de soja
and whether we are both dying out
for the sake of a great idea,
wo viu euter isch aus mini
chliini Sprachlosigkeit
dans cet océan de langues.


Fitzgerald & Rimini: Grand Tour
Der gesunde Menschenversand, 2015
ISBN 978-3-03853-005-3
Audio-CD, 52 Min.
www.menschenversand.ch

www.fitzgeraldrimini.ch


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